„Einer muss doch schuld sein!“

„Was ist die Ursache für Autismus?“, wurde ich öfter gefragt.

Ich bin nicht immer sicher, wie ich darauf antworten soll.  Auch weiß ich nicht genau warum derjenige das wissen möchte.

Es mag Menschen geben, die wirklich rein wissenschaftliches Interesse daran haben.

Dann antworte ich etwa so:

Es werden aktuell einige Ursachen diskutiert, die für Autismus direkt oder aber als auslösender Faktor mit verantwortlich gemacht werden. Bislang aber ist noch keinerlei eindeutige Aussage möglich, die wissenschaftlich anerkannt und mit abschließenden Forschungsergebnissen auch belegbar wäre.

Es scheinen also Mehrfachfaktoren zusammen zu spielen.

Das eine autistische Genanlage vererbt werden muss, da sind sich alle Forscherteams einig. Die genetische Disposition ist also die Basisvoraussetzung, um als Autist geboren werden zu können.

Es ist Forschern gelungen, einige Gene zu isolieren, auf denen sich vermutlich das autistische Merkmal befindet.

Je nach Autoren entsprechender Fachbücher, variiert diese genannte Anzahl zwischen etwa 5- 20. Ob es bei dieser geringen Zahl überhaupt bleibt,  ist angesichts des noch geringen Forschungszeitraums auch fraglich und bleibt abzuwarten.

Sehr wahrscheinlich ist die Zahl also um ein Vielfaches höher.

Die Ausprägung einer autistischen Störung ist vermutlich, sowohl von der Anzahl der beteiligten Gene, sowie von der unterschiedlichen Kombination untereinander abhängig.

Das würde immerhin auch die so differenzierten Ausdünnungsgrade des autistschen Spektrums erklären.

Das würde im Umkehrschluss aber auch die Verschiedenartigkeit der Menschen ohne Autismus erklären.

Denn ihnen fehlen dann lediglich die entsprechend markierten Gene in der erforderlichen Menge oder es hapert ihnen schlicht an der passenden Kombination.

Sie sind und werden aufgrund ihrer genetischen Kombination also nun nie autistisch wahrnehmen, fühlen und denken können. So sehr sie sich auch vielleicht darum bemühen.

Autisten wird es andererseits nie gelingen unautistisch zu fühlen, zu empfinden und die Dinge aus dem Blickwinkel der Nichtautisten zu sehen.

Mit dieser Erkenntnis könnte man es nun gut sein lassen und die weiteren Energien in gemeinsame Vorhaben stecken. Vorhaben und Ideen, die zu mehr Akzeptanz und Toleranz führen. Vorhaben von denen beide Seiten profitieren.

Denn die Welt braucht auch die „Andersdenker“.

http://www.ted.com/talks/temple_grandin_the_world_needs_all_kinds_of_minds.html

Man könnte es also dabei belassen und erkennen, dass es normal ist, verschieden zu sein.

Man belässt es aber nicht dabei.

Man sucht und fragt weiter nach den eigentlichen „Übeltätern“, die diese Genvariation ausgelöst haben könnten.

Im Visier haben Forscher hier vor allem alles was schlecht ist und unbedingt zu vermeiden ist.

Umweltgifte, Medikamente während der Schwangerschaft, also störende und toxische Belastungen, die eine „gesunde, natürliche und richtige“ Entwicklung entsprechender Genkombinationen verhindert.

Da kommt mir der Gedanke, dass gleichbedeutend hinter der ersten Aussage, eine weitere steckt; und die macht mir nun Sorgen.

„Nur eine „kranke, unnatürliche, und falsche“ Entwicklung der genetischen Kombination oder Variation kann verantwortlicher Auslöser sein, für ein autistisches Wahrnehmen, Denken und Fühlen.“

Das andere scheint offensichtlich paradox zu sein, denn habe ich das noch nie irgendwo als Diskussionsgrundlage gehört.

Trotzdem frage ich mich:

Könnte es nicht genauso gut anders herum passiert sein?

Könnte nicht die genetische Variation, der Nichtautisten, durch eine toxische Belastung ausgelöst worden sein?

Dies dann mit einer so hohen Durchseuchung gemessen an der Weltbevölkerung, dass aufgrund dieser hohen Zahl der Betroffenen, diese nun zu den üblichen Standards gehören?

Könnte es nicht ebenso gut möglich sein, dass die fehlenden autistischen Markierungen auf ihren Genen, auf Störfaktoren zurückzuführen sind?

Eine belastende Substanz, eine Vire, ein „Übeltäter“ der das autistische Gen verhindert hat?

Ist das ein so abwegiger Gedanke?

Würde durch eine solche Entdeckung seitens der Forschung, die qualitative Beurteilung, was Autismus ist oder was er nicht ist, anders ausfallen?

Nein, wahrscheinlich nicht.

Dann wäre die Welt aus den Fugen. Dann wäre das Falsche richtig und das Richtige falsch.

Das würde man verhindern müssen.

Wie würde man das verhindern?

Ganz einfach:

Man würde kurz und bündig, den vermeindlichen Übeltäter als eine besondere positive Substanz rehabilitieren. Man würde erklären, dass es der Forschung gelungen sei, an der ausschließlich als toxisch geglaubten Substanz, nun autismusverhindernde Eigenschaften entdeckt zu haben.

Für den Autismus sucht man den Übeltäter. Nicht andersherum.

Ein Übeltäter ist verantwortlich für meinen Autismus.

Es muss also ein ebensolcher „Übeltäter“ (welcher auch immer) gewesen sein, der den Autismus meines Vaters verursacht hat.

Welchen Umweltgiften, welchen Toxinen, mögen wir beide aber so zeitverschoben ausgesetzt gewesen sein?

Waren es die selben?

Sind es die selben gewesen, die für einige autistische Anteile meiner Geschwister verantwortlich waren?

Waren es die selben Auslöser, vor die ich hätte meine Kinder während der vier Schwangerschaften schützen können oder müssen?

Bin ich also das Ergebnis eines Umweltschadens, einer toxischen Belastung?

Wäre ich vermeidbar gewesen?

Oder wäre mein Autismus vermeidbar gewesen?

Wenn mein Autismus nicht als Teil meiner selbst zu mir gehört, wenn er krank und falsch an mir ist, ein Übel was vermeidbar gewesen wäre, was wäre ich dann ohne ihn?

Was wären meine Kinder ohne den meinen und ohne den ihren?

Wir hätten vielleicht einige unserer Unzulänglichkeiten nicht.

Uns würde es keine Schwierigkeiten machen, den üblichen und erwarteten Grad der Anpassung zu wahren.

Wir wären kontinuierlich und an allen Tagen alltagstauglich, kommunikationstauglich, arbeitstauglich,…

Das wäre sicher ein gesellschaftlicher Vorteil.

Dann wären wir so, wie eine nichtautistische Gesellschaft die Individuen formt.

Wäre es auch unser Vorteil?

Wir wären nicht das, was wir nun sind.

Wir wären uns fremd und würden uns sicher selbst manchmal vermissen.

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