„Ich verstehe sie nicht, die Menschen“,schrie der Dachs in die Welt.

„Ich verstehe sie nicht, die Menschen“,schrie der Dachs in die Welt. Die Welt lächelte: „Wundert dich das, du kleiner Graupelz?
Ihr sprecht eben verschiedene Sprachen.“

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„Sie lügen mich an“, schrie er weiter. „Das dürfen sie nicht.“

„Warum nicht? „,fragte die Welt amüsiert. „Das Lügen ist die Fähigkeit der Menschen. Es gehört zu deren Errungenschaften, mit denen sie sehr viel erreichen“

„Sie machen Versprechungen und vergessen sie wieder. Du musst sie erinnern“, forderte der Dachs betrübt.

„Sie vergessen es selten“, erklärte die Welt ihm geduldig. „Sie meinen nicht immer genau das, wie sie es sagen. Du darfst nicht jedes ihrer Worte so genau nachwiegen. Dann kommst auch du mit den Menschen klar.“

„Das verstehe ich nicht, das will ich so nicht „, jammerte der Dachs weiter. Drehte der Welt den Rücken zu und kroch in seine Höhle.

Die Welt zwinkerte lächelnd und flüsterte: „Schlaf gut Dachs.“ Dann löschte sie das Licht und legte sich selbst ein wenig zur Ruhe.

img_0867Nach einer unruhigen Nacht wurde der Dachs wach durch ein paar Tropfen, die ihm auf den Pelz fielen.  Die Welt hatte an diesem frühen Morgen bereits vergnügt und ausgiebig geduscht.

„Guten morgen, Dachs“, begrüßte sie ihn. „Geht es dir besser, heute? “

„Das Heute hat ja gerade erst angefangen, woher soll ich also wissen wie es mir geht?“

Das war zwar keine Antwort, aber die Welt wusste sofort, dass mit dem Dachs auch heute noch keine Späße zu machen waren.

„Ich werde beschäftigt sein, knurrte der Dachs.“

„So? Womit denn?“ fragte die Welt.

„Ich muss viel nachdenken heute“, erwiderte er. Und die Welt kannte ihn nur allzu gut, dass ihr klar war, wenn er sagte er habe viel nachzudenken, dann hatte er bis zum Abend damit zu tun .

„Dann wird das ja ein spannender Tag“, sprach die Welt und streckte sich kräftig, sodass der Boden wackelte und dem Dachs kurz etwas schwindelig wurde. „Lasse mich wissen, zu welchen Erkenntnissen du gelangst“, redete sie weiter.

Der Dachs nickte nur kurz. Hatte es jemals etwas gegeben, was er ihr nicht hätte mitteilen müssen?

Fröhlich und ein wenig neugierig schaute die Welt zu, wie der Dachs sich gedankenversunken auf den Weg machte. Immer wenn er nachzudenken hatte, streifte er stundenlang durch den Wald. Oft sah er dabei nicht nach links oder rechts, obwohl er eigentlich ein Wesen war, dem nichts entging.

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„Ich begleite dich ein wenig, Dachs“, sprach die Welt, denn sie liebte Geschichten. Alle Geschichten aller Wesen liebte sie. Die schönen und die traurigen. Die ganz kleinen und die großen. Geschichten hatten sie so alt werden lassen. So alt, so klug und so gelassen.  Nichts konnte die Welt erschüttern, denn zu viele Dinge hatte sie schon gehört und gesehen.  Und noch immer war sie nicht müde geworden, täglich neue zu hören und die Wesen, die sie ihr erzählten liebte sie alle sehr. Und sie vergaß nicht eine von denen, so unbedeutend sie auch erscheinen mögen für den, der sie nicht selber erlebt.

“Wenn ich sie nur verstünde”, murmelte der Dachs vor sich hin. “Dann würde ich den Menschen ein guter Freund sein.”

“Willst du ihnen denn ein guter Freund sein?”, fragte die Welt.

“Es ist so schwer!” seufzte der Dachs. “Denn eigentlich verlasse ich so ungerne dafür den Wald der mich schützt und die Höhle die mich warm hält.”

„Das war nicht meine Frage, sagte die Welt…und dann schwieg sie zunächst.

“Ich passe nicht dort hin”, murmelte er weiter und schaute ein wenig hungrig hinter einer kleinen Maus her, die ganz gemütlich in ein Erdloch verschwand. Aber er war viel zu müde als sich nun auch noch um seinen knurrenden Magen zu kümmern.

“Du brauchst eine Pause”, meinte die Welt und deutete ihm, sich an einen alten, bemoosten umgefallen Baum ein wenig Ruhe zu gönnen. Der Dachs hatte so gedankenversunken die schöne Raststelle gar nicht bemerkt. Erst als er über einen der morschen Äste stolperte und fiel, bemerkte er wie erschöpft er bereits war.
Es tat so gut, sich mit dem Rücken an einen Ast zu lehnen, die müde gelaufenen Pfoten auszustrecken und die Augen zu schließen. Die Welt ließ durch eine Wolkenlücke die Nachmittagssonne in sein Gesicht scheinen.

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“ Wollen wir noch mal auf meine Frage zurückkommen, du müdes Pelztier?”

“Hmmm, welche Frage?”, gähnte der Dachs und öffnete dann doch ein Auge. Nur einen Spalt, da die Sonne sich alle Mühe gab, um dem Dachs die Lebensgeister zu wecken.

“ Ich fragte dich, ob du den Menschen ein guter Freund sein willst, lieber Freund.”

“Aber das will ich doch!”, antwortete er etwas ungehalten und setzte sich entrüstet auf. “Ich will es mein ganzes Leben lang schon.”

“Ich weiß “, sprach die Welt besänftigend. Aber ich wollte, dass du dich daran erinnerst dass es wichtiger ist, dass du es willst. Ich stelle die Schwierigkeiten und deinen Mut den du dabei aufbringen musst nicht in Frage.”

“Dann ist ja gut”,patzte der Dachs zurück und die Welt versteckte ein Grinsen.

Der Dachs neigte seinen Kopf zur Seite, sodass er der Sonne ein wenig entkam. “Worauf willst du eigentlich hinaus?”, fragte er.

“Ich will auf gar nichts hinaus,”antwortete die Welt. Ich will nur eine ordentliche Geschichte von dir. Und ich denke dass du nicht so recht weißt, welche Richtung sie einnehmen soll.”

“Als hätte ich Einfluss darauf”, schnaubte er.

“Oh doch, lieber Dachs. Ich denke ja schon. Es ist deine Geschichte. Und die bestimmst du. Aber vielleicht sollten wir uns dabei weiter auf den Weg machen. Denn das Denken fällt schwer, wenn man zu träge wird.

Der Dachs rappelte sich auf, streckte sich und nickte der Welt zu.

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“Ich weiß nicht so genau warum ich ihnen ein Freund sein möchte, es ist nur so…es fühlt sich gut und richtig an. Reicht das wohl aus?”

„Also ich denke schon, dass das in jedem Fall ausreicht. In jedem Fall, um es weiterhin zu versuchen. Vielleicht reicht es aber nicht, wenn man bedenkt, wieviel Anstrengung es dir abverlangt. Dann ist vielleicht das Gefühl, dass es gut und richtig so ist, doch ein wenig zu, …hmmm, sagen wir mal banal.

“Ich brauche sie doch”, sagte der Dachs. Ich brauche die Menschen und ich liebe sie.”

“Ohhhh, das sind in der Tat sehr gute Gründe um es weiterhin zu versuchen.

“Wenn ich mal nachfragen darf…”

“Frag doch!” sprach der Dachs und machte mit der Pfote eine gönnerhafte einladende Bewegung.

“… brauchst du die Menschen weil du sie liebst, oder liebst du die Menschen weil du sie brauchst?”

Da wurden die kleinen, schwarzen Augen ganz groß. Der Dachs hielt einen Moment inne und starrte irritiert in die Welt.
“Was ist das denn für eine Frage?” polterte er vorwurfsvoll los.

“Nun, eine Frage scheint es zu sein, die du nicht so leicht zu beantworten weißt, mein kleiner Graupelz…aber vielleicht magst du ja darüber nachdenken.”
Die Welt lächelte. Sie schien zufrieden mit sich selbst und sie wusste, nun könne daraus doch noch eine interessante Geschichte werden. Und sie hatte ja alle Zeit…alle Zeit der Welt.

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Ein Gedanke zu “„Ich verstehe sie nicht, die Menschen“,schrie der Dachs in die Welt.

  1. Danke für diese Geschichte. Ich hoffe, ich habe sie verstanden. Ganz besonders angesprochen hat mich persönlich die Frage: “… brauchst du die Menschen weil du sie liebst, oder liebst du die Menschen weil du sie brauchst?” Ich glaube, das muss ich mir selbst unbedingt beantworten.

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