Beziehungen und Abhängigkeiten

…aus meiner autistischen Sicht

Aktuelle Zahlen belegen, dass die meisten erwachsenen, hochfunktionalen Autisten in einer partnerschaftlichen Beziehung leben und/oder verheiratet sind.

Das gibt doch vor, dass dies gut und unproblematisch zu funktionieren scheint.

Ganz entgegen der in der Gesamtbevölkerung vorherrschenden klischeehaften Vorstellung davon, dass Autisten ja nicht beziehungsfähig seien.

Ich lebe ebenfalls in einer festen Partnerschaft mit meinem Mann, der Vater meiner vier Kinder ist.

Und das ist gut so.

Ich brauche und benötige intakte und verlässliche Beziehungen. Ich brauche Menschen, die mir vertraut sind und an deren Seite ich mich sicher fühle.

Meines Erachtens benötigen das die meisten Menschen aber ganz sicher, die meisten Autisten.

Da es mir oft nicht gelingt, aus der Intuition heraus, die Menschen einschätzen und verstehen zu können, ist mir eine bekannte verlässliche Person an meiner Seite eine große Hilfe. Durch ihre mir bekannte Stimmung, an ihrem mir bekannten Verhalten, den Äußerungen, ist es mir möglich zu erkennen, wie sicher oder wie riskant es gerade ist, in einer fremden Menschengruppe zu sein. Ohne so ein „Barometer“ an meiner Seite ist jede neue Begegnung eine unglaubliche Mühe und ein mit Missverständnissen und Irritationen übersäter Kampfplatz.

Ohne gute Beziehungen und intakte Freundschaften, hätte so manches in meinem Leben so anders kommen können.

Wenn ich zurückblicke auf meine ersten Erfahrungen mit Menschen, die nicht unmittelbar zu meiner Familie gehörten, dann war das Kindergarten und Schulzeit.

Der Kindergarten war kurz und schmerzhaft, aber eben aufgrund der Kürze ohne nennenswerte Bedeutung. Doch habe ich hier bereits erkannt, das Fremde eine unangenehme Empfindungen in mir auslösten. Und ich habe gelernt mich mit Stille und Schweigen in mir selber verstecken zu können, wenn es Not tut.

In der Schule war es anders. Hier mussten mehr Erwartungen erfüllt werden und die ersten Grundschuljahre erlebte ich mit regelmäßigem Krankheitsgefühl und manchmal mit Erbrechen im Klassenzimmer.

Ich verstand meine Mitschüler nicht. Nicht ihre Art und nicht ihre Spiele. Die Späße waren dumm oder nicht witzig. Meine Späße schienen sie wiederum nicht zu verstehen und so gab es wenige oder nur sparsame Beziehungen.

Die wenigen aber, benötigte ich so dringend, dass ich für sie hätte alles gegeben. Die wenigen nämlich, brauchte ich nicht für meinen eigenen Zeitvertreib, dafür reichte ich mir vollkommen alleine. Die wenigen benötigte ich zu meiner Sicherheit an meiner Seite, als Barometer, das mir anzeigt, wann eine Situation eine Spaßige und wann sie eine Ernste war. Wann und was es galt zu äußern oder wann man besser den Mund hielt. Ich kopierte mitunter sämtliche Verhaltensgewohnheiten einer jeden Mitschülerin, die sich eine Zeit lang „meine Freundin“ nannte. Bis hin zum Dialekt, den ich in den Sommerferien an nahm.

Ohne dies beeinflussen zu können.

Bei der üblichen Frage, die im Zusammenhang mit einer Autismusdiagnose gestellt wird: „ …hatten Sie Freunde?“ antworte ich daher wahrheitsgemäß mit „Ja“.

Ohne diesen Begleitern hätte ich nämlich nicht die Schulzeit überstanden.

Ob „meine Freunde“ nun vergleichbar sind, mit den Freunden und den Freundschaftserwartungen der anderen Menschen, weiß ich nicht zu beurteilen. Es mag da unterschiedliche Auffassungen geben.

Je älter wir in unserem Klassenverband wurden, je diffuser wurden mir die sozialen Regeln. Es schien nie wirklich etwas zu stimmen. Ich konnte nie sicher gehen, eine Bemerkung, einen Witz, eine Äußerung richtig verstanden zu haben. Meine Reaktionen und Antworten waren meistens für die anderen „der Brüller“

Ich hatte das Gefühl ich passe nicht annähernd und niemals in das übliche Schema. Sie und ich wurden älter und doch immer verschiedener. Sie wurden älter in Dingen, wo ich Kind blieb. Sie waren Kinder in meinen Augen, wo ich mich sehr erwachsen und abgeklärt fühlte. Eine Schere die auseinander ging, und die ich heute noch so empfinde und auch an meinen Kindern und deren Altersentsprechungen ebenso beobachtet habe.

Soziale Verwirrungen klären und nachfagen konnte ich bei wenigen. Denn die Mädchen waren heute freundlich und morgen alles andere als das. Die Jungen meistens freundlich aber in sozialen Verwirrungen schienen sie ungeeignete Übersetzer zu sein. Jeder Tag war riskant und unberechenbar. Jeder Tag aufs Neue eine Anstrengung. Das schlimmste waren Pausen oder Freistunden. Die größten Katastrophen aber Klassenfahrten.

Regelmäßig war oder wurde ich dort krank. Die dauerhafte Anstrengung der sozialen Missverständnisse, die Anpassungsbemühungen, der fremde Ort, der fremde Rhythmus und keine Chance auf Rückzug brachte mich (so weiß ich heute) jeden Tag in Overloadzustände. Für die anderen sah es anders aus.

Entweder war ich in ihren Augen krank oder ich stellte mich an. Entweder war ich frech oder blöd.

Wenn man sich nicht mitteilen und seine Bedürfnisse verständlich machen kann, erfindet der Körper Strategien, die ihm die nötigen Ressourcen sichern, die er unmittelbar zum Durchhalten braucht. Durchhalten wenigstens diese fünf Tage. Eine Fahrt in die Eifel von Montag bis Freitag.

Mit Erbrechen und starken Kopfschmerzen durfte ich ins Bett. Mit Windpocken brauchte ich nicht an den allgemeinen Veranstaltungen, Tagesprogramm, etc. teilzunehmen. Ich war raus aus der Nummer, wenn ich nur genügend Symptome hatte.

So wird Krankheit zum Mittel.

Eine verlässliche Begleitung/Beziehung hätte ich benötigt. Die hätte es erleichtert und mit ihr hätte ich die Chance gehabt einige soziale Irritationen zu verstehen und möglicherweise zu umgehen.

Was mir nicht aus der Intuition ersichtlich ist, versuche ich zu erfahren. Wenn ich einen Begleiter habe, dann erfrage ich unverständliches bei ihm.

Wenn ich keinen Begleiter habe, erkläre ich mir mit vielen Verwirrungen die undurchsichtigen Äußerungen, Erlebnisse, Beobachtungen sozialer Zwischenmenschlichkeit eben selber.

Beides birgt Risiken.

Kann man einer Begleitung, einer Person, an die man sich aus Not anhänglich orientiert denn so bedingungslos trauen? Sind ihre Erklärungen denn allgemeingültig und entsprechen den moralischen, sozialen Standards?

Natürlich nicht, sagten meine Eltern und erklärten mir, dass ich doch nicht immer wieder so hoffnungslos naiv und vorbehaltlos sein sollte.

Vieles, was sie beunruhigt hätte, erzählte ich dann lieber gar nicht erst.

Dass ich als 14 Jährige nach der Schule in der Wohnung alleine unter Panikattacken litt, konnte man mit Logik und Vernunft sowieso niemanden sagen. Es gab keine Gründe für diese Angstzustände die ich empfand, wenn ich in der großen Wohnung alleine war.

Also musste es an meinem verrückten Hirn liegen, das mir da Sichterscheinungen und Geräusche vorspielte, die es gar nicht gab. Solche Menschen, die etwas wahrnehmen was nicht wahr sei, sind an Schizophrenie erkrankte Menschen, die man in einer Klinik behandeln muss, erklärte mein Vater.

Also verschwieg ich nach ein paar flüchtigen Versuchen, hier zu erfahren was mit mir los sei, diese unangenehmen Empfindungen und Ängste.

In der Wohnung blieb ich aber auch nicht, sondern besuchte regelmäßig über viele Wochen eine Gruppe iranischer Studenten in ihrer Wohngemeinschaft. Dort machte ich meine Hausaufgaben, aß mit ihnen zu Mittag und kuschelte mich gerne zwischen ihnen auf ein Sofa und hörte einfach denen bei ihren fremdländischen Unterhaltungen und Diskussionen zu. Ich gehörte dazu und fühlte mich wohl. Keiner erwartete etwas von mir. Ich konnte sie ja nicht verstehen, also brauchte ich mir keine Mühe geben. Ich wurde begrüßt und umarmt. Niemals in der Zeit hat mich einer von ihnen genötigt oder auf eine sexuell belästigende Weise berührt. Ich war ihnen wohl eher ein Kind oder ein Hund. Aber ich war mir dort sehr sicher.

Eines Tages war die Türe verschlossen und mit einem Klebesiegel versehen. Ich klopfte und trat verzweifelt dagegen, meine Freunde waren alle weg. Es roch in dem Flur nach den üblichen Gewürzen, mit dem das Mittagessen immer gewürzt wurde. Es roch nach dem Rasierwasser und es war so vertraut und doch alles anders. Ich saß lange verzweifelt in der Ecke des Flures und schlief ein, bis ein Nachbar kam, der ab und zu auch in der Studentenrunde saß. Er half mir umständlich in die Jacke und wischte mit einen nicht so ganz sauberen Taschentuch über mein Gesicht. Murmelte etwas von Polizei und Iran und Familie und ich weiß nicht mehr. Küsste mich auf beide Wangen, sagte: „ Du liebe Mädchen, geh jetzt und komm nicht zurück.“

Das tat ich auch nicht. Ich mied diese Straße bis heute und ich weiß bis heute nicht, was mit ihnen passiert ist.

Ich denke lieber nicht darüber nach und auch nicht darüber, was mir als 14 – Jährige in dieser Wohnung alles erspart geblieben ist, was hätte mir dort durch meine Naivität so alles passieren können, wenn dies nicht so wunderbare Menschen mit guten Absichten gewesen wären.

…Schwierigkeiten mit der

Partnerschaft

 

Man benötigt Personen, die einem die sozialen Missverständnisse und Verwirrungen erklären, wenn man selber nicht in der Lage ist, diese zu verstehen.

Für die meisten Menschen ist das zwischenmenschliche miteinander Umgehen kein großes Problem. Sie deuten diffuse Gesten und Augenblicke sicher und intuitiv. Für viele Autisten ist das nur mit kognitiver Leistung und selten treffsicher zu verstehen und zu deuten, was zwischenmenschlich untereinander geschieht.

Wer als Autist in diesen Momenten alleine auf sich gestellt ist, kommt sich mitunter vor, wie ein „dem Rudel Wölfen zum Fraß vorgeworfener Fleischbrocken“.

So oft wie ich auf Menschen „Freunde“ hereingefallen bin, mich deren Meinung vertrauend in Missverständnisse verstrickt habe, so oft bin ich ebenso mit meiner eigenen, auf Logik und Beobachtungen basierenden Erklärungen hereingefallen.

Das macht nicht unbedingt Mut, neue Menschen, neue Orte kennenzulernen. Oder mit Mut eine weiterführende Schule zu besuchen.

Nach der 10 Klasse besuchte ich die Fachoberschule für Gestaltung.

Aus meiner Schule nahmen wir zu Dritt an der Begabungsüberprüfung teil. Ich betete und hoffte, dass wir gemeinsam bestehen, oder wenn die beiden, mir bekannten Personen nicht bestehen würden, dann sollte ich bitte, bitte ebenso durchfallen.

Es kam anders. Ich musste doch tatsächlich ganz alleine, ohne eine mir vertraute Person, ohne ein bekanntes Gesicht nach den Sommerferien in eine neue, fremde Schule.

In diesen Sommerferien stellte eine Mitschülerin aus meiner alten Klasse den Kontakt zu einem Jungen her, der bereits diese neue Schule absolviert hatte und der nun auf ein Studienplatz wartete.

Axel war älter als ich, 21 Jahre. Und Axel kannte sich aus. Er war überhaupt mit allem vertraut, was mir noch unklar und fremd war. Er erklärte mir welche Lehrer ich zu erwarten hätte und welche Fächer auf mich zu kämen.

Er wiederum stellte Kontakt her zu einem Mädchen, was die Klasse 12 wiederholen musste. Und damit war ich nicht mehr ganz so alleine an dieser Schule.

Ich besuchte Axel während der Sommerferien öfter und er wurde mein erster Freund.

Meine Erlebnisse in der neuen Schule konnte ich ihm mitteilen, er begleitete mich sogar öfter und weil er so gesellig und gerne von sich und seinen Erfahrungen erzählte, er der Wissende war, hingen ihm beizeiten meine neuen Mitschüler ebenso an den Lippen wie ich.

Ich hätte ihn zwar lieber unmittelbar direkt in der Schule an meiner Seite zur Orientierung gehabt, aber die Mitschüler wurden mir mehr und mehr vertraut. So ging es auch ohne ihn.

Diese Freundschaft mit Axel, brachte mich in eine Position, die ich zuvor nie hatte.

Ich gehörte zunehmend zu einem, nämlich seinem festen Freundeskreis. Alle älter und von ganz anderer Art, als ich es von den Mitschülern gewohnt war, die ich jahrelang in meiner Hauptschulklasse erlebte.

Einige von ihnen studierten bereits in den verschiedensten Fachrichtungen und meine Unsicherheiten, Schüchternheit und Naivität wurde nicht ausschließlich verlacht, sondern ich erhielt ab und an wirklich brauchbare Erklärungen.

Das Ganze hatte nur auch ein paar kleine Haken.

Ich war offiziell Axels Freundin. Offiziell bedeutete dann auch, die regelmäßige Teilnahme an gemeinsamen Feiern, Partys und Besuche in Szenenkneipen, wo Studenten sich eben damals so aufhielten.

Manchmal gelangen mir Ausreden. Wenn nicht meine gewohnten Krankheiten/Symptome, wie Übelkeit und Migräne einen Rückzug genehmigten, dann ließ ich es über mich ergehen, zahlte also meinen Preis dafür, dass ich dazugehörte.

Diese Abende waren laut, eng, gefüllt mit vielen fremden Menschen und enorm anstrengend. Manchmal bekam ich währenddessen solche Kopfschmerzen und Schüttelfrost, Weinkrämpfe, dass dies nur mit meiner „empfindlichen, oder schwachen Konstitution“ von ihrer Seite aus erklärbar war.

Ich konnte mir das doch ebenso nicht erklären und hasste mich dafür, so wenig tauglich zu sein. Ich wusste nur, ich war doch eigentlich immer schon so und wusste nicht warum.

Ich hasste manchmal sogar diese Freundschaften, denn sie waren so anstrengend und verlangend, dass ich es kaum ertrug. Vielfach war ich wirklich krank und fehlte an den Folgetagen in der Schule.

Dennoch machte ich dort recht gut meine Abschlussprüfung und nahm an der Begabungsüberprüfung (in Axels Fußstapfen folgend) an der Uni im Fachbereich Industrial-Design teil. Wiederum bestand ich nur alleine aus meiner Abschlussklasse.

Aber das war mir nun egal. Denn ich kannte bereits einige an dieser Uni, wenn auch in den höheren Semestern.

Ich hatte mittlerweile genug Begleiter gefunden, an ihnen brauchte ich mich nur zu orientieren.

Ohne aber wäre ich verloren gewesen, ich brauchte diesen Freund und manche seiner Freunde ebenso. Das war mir absolut bewusst, darüber gab es keine Zweifel.

Meine Eltern zogen zu dieser Zeit etwa 100 KM weit in eine andere Stadt.

Ich blieb natürlich in meinem Studienort und zog in eine winzige Dachwohnung.

Kaum eine Nacht ertrug ich es dort. So einsam und verloren kam ich mir vor. Ich wagte kaum die Augen zu schließen und die Stille kann so entsetzlich laut sein. Den eigenen Körper zu hören ist wohl eine ungewöhnliche Art der Wahrnehmung. Den eigenen Körper zu hören und sich zu fürchten, dass beim Aufhören des mitgezählten Herztons auch das Leben beendet sein könnte ist schon ein Anzeichen von Verrücktheit.

Jede Nacht schlief ich nun bei Axel und wohnte quasi in seiner Wohnung.

Das forderte seinen nächsten Preis.

Mein dringendes Bedürfnis nach Rückzug und absoluter Ruhe, nach ungestörten Nächten, das hatte ich zuvor in meinem Elternhaus noch gehabt. Die Nächte, die wir damals zusammen verbrachten waren wenige, überschaubar und immerhin wegen unserer offiziellen Freundschaft in Ordnung. Nun nicht mehr.

Ich war nie allein. Keinen Tag, keine Stunde, keine Nacht.

Natürlich war ich so auch nie einsam, wie ich es in meiner Dachwohnung gewesen wäre Aber ich litt unglaublich unter dieser ständigen Verfügbarkeit meiner Person für ihn und für die anderen.

Soziale Überforderung ist etwas, was mir heute noch ungeheuer zu schaffen macht. Es können die liebsten Menschen sein. Wenn sie zu viel sind, sind sie eben zu viel.

Zudem verstand Axel überhaupt nicht, dass ich Sex nicht entspannend sondern aufgrund meiner Hypersensibilität als weitere Belastung empfand.

Ich benötigte nach einer Reizüberflutung, nach Besuch und einen langen Uni-Tag vielleicht eine ruhige und feste Umarmung. Ich hätte mich gerne an ihn gekuschelt und wäre mit ihm in einer engen Umarmung sicher und gehalten eingeschlafen. Aber er sah das anders. Seine Hände streichelten nach viel zu kurzer Umarmung schnell und zügig hier und da an meinem Körper. Er zupfte an meinem Hemd und gleichzeitig an meiner Hose. Es war eine Überreizung taktiler, olfaktorischer und akustischer Art. Das einzige was mir blieb, die Augen fest zu schließen um wenigstens das Visuelle auszublenden. Es hätten an die 20 Hände sein können – für meine bereits überstrapzierten Nerven, alles eine weitere Belastung die nur schmerzhaft war.

Männer brauchen das aber“, erklärte er mir. Keine wäre so wie ich und ich stelle mich an, sagte er.

Ich riskierte diese Partnerschaft, diese wichtige Begleitung, das wurde mir bewusst.

Ich bat um einen Kompromiss. Wenigstens verlässliche sexfreie Tage zu haben, damit es Abende gab, wo ich mit Sicherheit nicht Erwartungen erfüllen musste, nicht funktionieren musste. Er lies sich auf wenige Tage ein. Ich hätte mehr benötigt. Ich hätte auch mehr benötigt um ihn lieben zu lernen, denn ich nahm mehr und mehr wahr, wie sich alles in mir sträubte und ich gerne in der Lage gewesen wäre ohne ihn zu leben.

Ich hätte ihn vielleicht lieben gelernt, wenn er an diesen freien Tagen mich trotzdem hätte gehalten und in einer festen ruhigen Umarmung ich meine Ruhe hätte finden können.

Das können Männer nicht“, sagte er. Ich könne nicht erwarten, dass er mich fühlt, meinen Körper an seinen und dabei nichts empfindet“.

Das erwartete ich doch nicht. Er könne doch etwas empfinden, etwa das selbe wie ich. Eine warme, ruhige und sichere Umarmung, das wäre doch eine gute Empfindung, sagte ich.

Ich schien eine völlig verschiedene Spezies zu sein.

Da ich ja bekannterweise die „falsche“ von uns und von allen war, gab ich mich mit seiner Ansicht zufrieden und glaubte weiterhin, mit mir stimme etwas nicht.

Ich versuchte also diverse Tricks, mich seinen Forderungen zu entziehen.

Schließlich war ich nicht in der Lage ohne ihn oder ohne irgendjemanden zu leben.

Was für ein Dilemma. Was für ein hoher Preis, den ich zu zahlen hatte für Begleitung und eine gewisse Assistenz durch die sozialen Regeln des Uni-Alltags und dieser Gesellschaft zu kommen.

Warum nur war ich so anders? Was an mir war denn nicht richtig, dass ich mich einfach überall falsch fühlte?

Flucht in die Magersucht

ist auch keine Lösung

 

 

…“Warum nur war ich so anders? Was an mir war denn nicht richtig, dass ich mich einfach überall falsch fühlte? „

Hierauf eine Antwort zu finden, wagte ich gar nicht erst zu hoffen.

Dennoch grübelte ich immerzu, warum ich mich in so vielen Dingen von den anderen offensichtlich unterschied. Ich empfand diese Unterschiede in vielen Bereichen, ohne sie jedoch deutlicher eingrenzen und benennen zu können. Noch heute ist es nicht einfach für mich, meine Empfindungen, die eben hier mitunter ausschließlich in Bildern und Emotionen abgespeichert sind, mit Worten zu beschreiben.

Ich kann es darum lediglich mit den einzelnen Geschichten versuchen zu erklären.

Natürlich gab ich mir Mühe, die Beziehung zwischen Axel und mir aufrecht zu erhalten. Schließlich war mir ja seine Freundschaft und die damit sichergestellte Begleitung durch mein Studium wichtig. Das hört sich nun im Nachhinein berechnend an. Mir war aber zu dieser Zeit wirklich nicht bewusst, dass ich aus diesen Gründen mit ihm so lange zusammenblieb. Er war doch halt mein Freund und ich glaubte darum, ihn zu lieben. Das ich ihn mochte ist ohne Frage.

Aufgrund der zunehmenden Belastung und der sozialen Anforderungen, die der Alltag und unsere anstrengende Beziehung mit sich brachten, geriet ich von einer Krise in die nächste. Mir war selber bewusst, dass ich hier überfordert war. Schließlich bemerkte ich, dass ich mich nach einem eigenen Zimmer sehnte, nach Ruhe und Alleinesein. An manchen Tagen hätte ich eben mich mal ganz alleine gebraucht. Ich bemerkte auch, dass ich mich immer stärker in meine eigenen Kopfgeschichten und Grübeleien verkroch, so wie ich es immer während der Schulzeit getan habe und auch heute noch praktiziere, wenn das Außen an Anforderungen mir zu viel wird. In meine Kopfgeschichten lasse ich meine Mitmenschen selten hinein. Dieser Bereich ist eigentlich ausschließlich mir zugänglich. Der einzige Ort, der nur mir gehört und den ich nicht bereit bin zu teilen.

Dieser Rückzugsort ist auch wohl in dieser Zeit meine Rettung gewesen, die Möglichkeit meine reduzierten Ressourcen zu waren. Dazu blieb ich immer häufiger alleine zu Hause und verbrachte wirklich Stunden in einer Ecke sitzend, auf dem Boden hockend, so Woche für Woche. Ich aß kaum etwas und verlor auch irgendwie das Verhältnis zur Zeit. Das Verhalten meinerseits wurde bereits von Axel und Freunden angesprochen. Meine Ausreden wurden immer unglaubwürdiger. Immer häufiger fühlte ich mich sehr krank, litt unter ständigen Kopfschmerzen und konnte an manchen Tagen vor Schwäche und Schwindel kaum laufen. Einige Male fuhren mich Freunde zu Arzt. Aus der heutigen Sicht würde ich sagen, dass ich in einer tiefen Depression geraten war. Schließlich ließ sich auch der deutliche Gewichtsverlust nicht mehr vor meinen Freunden verbergen. Vor Axel natürlich auch nicht. Er versuchte mich zum Essen und natürlich zur Aktivität zu nötigen. Beides waren wiederum  weitere Forderungen an mich und führten wiederum dazu, dass ich mich glaubte abschotten und verkriechen zu müssen.

Als er sagte, dass er keine Lust hätte, auf eine Freundin, an der nichts mehr dran wäre, was nach einer Frau aussehe, dachte er wahrscheinlich, er hätte ein vernünftiges Argument gefunden, was mich dazu brächte, wieder zuzunehmen.

Für mich aber war das genau die Chance, mich für ihn unzugänglich und sexuell unattraktiv zu machen.

Zumindest glaubte ich, wäre sein Interesse damit, mit mir schlafen zu wollen erloschen.

Das war aber leider doch nicht so.

Als Karl eines abends mit mir alleine war, sprach er ohne zögern seine Befürchtung aus: „ Du bist magersüchtig, ich finde du musst zu einem Arzt.“

Es war zwecklos zu leugnen, dass es mir nicht gut ging. Es war zwecklos zu leugnen, dass ich Gewicht verloren hatte. Auch bei meinen Eltern gab es die selben Vermutungen und ich scheute mich vor Besuche, weil ich diese Art Gespräche meiden wollte.

Ich unterhielt mich lange mit Karl und er hörte geduldig zu. Seiner Meinung nach, konnte ich in dieser Beziehung, so wie sie sich für mich darstellte, nicht bleiben.

Wie konnte er so etwas sagen? Er war doch aus Axels Semester und somit Axels Freund. Nun sprach er sich gegen ihn aus. Ich weinte und sagte ihm, dass ich aber dann doch ganz alleine wäre, denn alle meine Freunde seien ja Axels Freunde.

Er wäre aber nicht nur wegen Axel mit uns befreundet, sondern vor allem auch wegen mir und könne sich das Elend nicht mehr länger mit ansehen. Ich würde weder ihn, noch Wolfgang, noch Karo. usw. verlieren. Sie alle machten sich bereits Sorgen und würden mir auch bei einem Auszug und bei allem was danach käme helfen.

Meine Zuneigung und Liebe zu meinen Freunden fühlte ich intensiv. Aber ich vermochte nicht in umgekehrter Richtung ein ähnlich intensives Gefühl einer Erwiderung zu erkennen. Meine Gefühle für Personen, sind aufrichtig und ausfüllend. Leider ist dieses Gefühl nur in die eine Richtung, auf eine Person hin für mich präsent. Der evntl. Rückweg, solcher Gefühle eines anderen Menschen für mich, ist nicht oder kaum fühlbar. Damit dann auch oft nicht glaubhaft und vielleicht in meinen Augen sogar nicht vorhanden.

Dann blieb zu allem Übel meine Periode aus und nun, so glaubte ich wäre es passiert.

Ich bin wieder schwanger“, sagte ich zu Axel und ihm fiel nichts besseres ein, als zu sagen, dass viele Frauen mindestens eine Abtreibung in ihrem Leben hinter sich hätten. Eine zweite wäre nun auch nicht das Drama.

Nicht, dass ich mir oder uns ein Kind zugetraut hätte. Nicht dass ich nicht panisch und verzweifelt wünschte, es sei nur eine Verzögerung. Diese Aussage, die Axel da machte aber war der entscheidende Hinweis, dass er sich lediglich an mir bediente. Dass er eine evntl. Konsequenz einer intimen Beziehung und ein „Zu-mir-Stehen“ nie ernsthaft in Erwägung gezogen hatte. Das war dann doch auch erschütternd, enttäuschend und irgendwie verletzend.

Ich ging also in den nächsten Tagen zu einem Gynäkologen.

Ich fürchtete mich so sehr vor einer Bestätigung meiner Befürchtung. Außerdem fürchtete ich mich davor, ihm dann zu sagen, dass ich das Kind gar nicht haben konnte.

Es war ein älterer Arzt, der sofort in einem väterlichen Ton, freundlich aber bestimmend sagte: „ Du gehst da erst mal auf die Waage.“

Bei einer Größe von 164 cm wog ich nun 45 Kilogramm.

Ihre Waage geht nicht richtig“, wagte ich einen Versuch. „meine zu Hause hat 2 Kilo mehr angezeigt.“

Er sagte nichts, sondern schaute mich lange und durchdringend an, sodass es mir sehr unangenehm war und ich den Kopf senkte, damit er nicht in mein Gesicht sehen konnte. Nachdem er einige Notizen machte, deutete er zu dem Untersuchungsstuhl.

Nein, schwanger bist Du nicht. „ sagte er.

Oh, Gott sei Dank“, dachte ich, „ aber warum guckt der denn so?“

Bei einem solchen Gewicht, bleibt die Periode einfach aus“, erklärte er. „ Dein Körper weiß selber nur allzu gut, dass er mit dem Zustand, in den du dich da gehungert hast, gar kein Kind austragen kann. – Seit wann geht dass schon so?“ …

Ich weiß nicht mehr die genaueren Fragen, die sich an diese erste unangenehme Frage anschloss. Jedenfalls hatte ich am Ende einen Brief für meinen Hausarzt in der Hand.

Dr. Schuster kannte mich bereits ziemlich lange und in den letzten Monaten intensiver durch einige meiner Zusammenbrüche. Auch die Gewichtsreduzierung war ihm beim letzten Besuch nicht entgangen. Er nahm sich für das Lesen des Briefes erstaunlich viel Zeit; unangenehm viel Zeit.

Auf seinem Schreibtisch stand ein Drahtmännchen, welches an einem Metallbarren turnte. Damit spielte ich nun, ließ es Purzelbäume schlagen und schielte besorgt und gespannt zwischendurch immer wieder hoch zu seinem Gesicht.

Schließlich räusperte er sich und schaute noch in seine eigenen Unterlagen.

So Regine, unter Katholiken, jetzt sagst Du mir, was da alles los ist“?

Oh, ich bin gar nicht katholisch, sagte ich erschrocken, „sollte ich katholisch sein, wenn ich von ihnen behandelt werden will?“

Das ist doch nur so ein Ausdruck, wie -jetzt mal unter uns-; sonst nichts,“ sagte er lächelnd und zählte dann, in seine Kartei schauend, meine letzten Besuche bei ihm auf.

Ich hatte diesen Ausdruck so noch nie gehört. Hätte ich ihn gekannt, hätte ich mich auch nicht so kindisch und blöd angestellt.

Er brauchte auch gar nicht alle Besuche und Gründe aufzählen, ich war ja schließlich bei all diesen Besuchen persönlich anwesend gewesen.

Hinter den einzelnen Episoden, machte er eine Pause, als erwartete er von mir jeweils eine erklärende Ergänzung.

Dann ergoss sich seine Rede über mich:

So ginge es nicht weiter…und wenn ich seine Tochter wäre. Auch sagte er, dass ich ihm für das eine zu jung und für eine andere Sache aber wiederum „alt genug“ sei. Er sprach von Hilfe und von Verantwortung, von nicht gesund und nicht normal…

Während des Redens füllte er eine Überweisung zum Neurologen aus, die er mir hin schob, und eine Karte mit der Adresse.

Für die genauere Wiedergabe seiner Rede, bin ich gedanklich viel zu früh ausgestiegen. Meine Aufmerksamkeit richtete sich nämlich nur darauf, dass er doch hoffentlich nicht vor hatte, irgendetwas an meinem Kopf, meinem komischen Gehirn reparieren zu lassen.

Davor hatte ich panische Angst.

Und diese Angst hatte eine ganz eindeutige Ursache:

Als ich etwa in der 6. Klasse war, beschlossen meine Eltern mich wegen meiner Matheschwäche in einer Nachhilfeschule anzumelden.

Diese war ein Institut mitten in der City von Wuppertal. Ein Dr. Rensch leitete es und über verschiedene Etagen gab es Räume, in denen Schüler am Nachmittag Förderung erhielten.

Jeden Tag, außer freitags hatte ich um 15 Uhr mit meinem Ranzen dort zu erscheinen um dort meine Hausaufgaben zu machen und Matheaufgaben zu lösen.

Dr. Rensch war ein älterer, großer Mann. Weshalb dieser „Arzt“ nun lieber Mathehausaufgaben machte, anstatt Menschen mit Blinddarmentzündung oder ähnliches zu operieren, hätte ich gerne von ihm gewusst.

Das fragte ich nicht, sondern erklärte mir den Grund selber. Vielleicht durfte er nun nicht weiter ein Doktor sein, weil bei ihm zu viele Menschen auf dem OP-Tisch verstorben waren. „Das wird es gewesen sein“, dachte ich und darum war er auch so griesgrämig und meist übel gelaunt.

An einem Tag, waren alle bereits gegangen, nur ich durfte nicht ohne meine letzte Aufgabe gemacht zu haben nach Hause.

Während ich verzweifelt die Lösungen riet, lief er auf und ab. Ich versuchte nicht zu heulen, aber es war zwecklos. Irgendwann ging er Richtung Tür und Waschbecken des Zimmers, dort hing ein graues Telefon an der Wand. Er wählte und konnte sich so innerhalb des Hauses, mit anderen Lehrern unterhalten.

Ja, Rensch hier, gib mal Dr. Soundso……“

Jetzt war ich dran“, dachte ich, „jetzt kommt noch einer und die machen `was mit mir“

….ja, ich hab hier die Schülerin, von der ich dir erzählte. Komm mal bitte runter.“

Ein etwas jüngerer Mann kam in das Zimmer und die beiden sprachen kurz zusammen. Dann schaute er mich an und fragte mich überraschend „1×1? -schnell!“

Ich sagte ohne zu zögern ebenso prompt „2“ und wusste doch sofort, das war falsch.

Dann unterhielten sie sich wieder und es fiel das Wort „Rechenoperationen“.

Jetzt hielt mich nichts mehr auf meinem Stuhl. Ich sprang panisch auf, riss zwei Stühle um, weil sich meine Jacke daran verfing; und als der jüngere Doktor auf mich zu lief, mit ausgebreiteten Armen, sprang ich ohne Jacke über einen Tisch zur Tür, die Treppe hinunter, durch die gläserne große Haustür, zwischen den vielen Fußgängern hindurch, die ganze Fußgängerzone entlang. Ich rannte noch als ich aus der Stadt in die Wohngebiete kam – bis nach Hause.

Zu Hause bemerkte ich, dass mein Ranzen und ja auch meine Jacke fehlte und als meine Mutter sagte, dass ich das aber brauche und es noch holen sollte, da brach ich laut heulend in ihren Armen zusammen. Niemals, niemals mehr ginge ich da hin, die wollten an meinem Gehirn was operieren, die wollten versuchen, ob man da was schneiden und ob ich dann besser rechnen kann.

Ich muss sie sehr beeindruckt haben, denn ich brauchte nie wieder dort hin. Wie nun mein Ranzen und meine Jacke wieder zu mir kam, das weiß ich nicht. Daran fehlt mir jegliche Erinnerung.

Namen geändert

Bleibt in meiner Nähe…

wenn ich alleine sein muss.

Es wäre mir wohl kaum ohne die Hilfe, den Zuspruch und die ständige Rückversicherung meiner Freunde gelungen eine eigene Wohnung zu suchen und den entscheidenden Schritt zu wagen, mich aus dieser Beziehung zurückzuziehen.

Die wiederholte Frage, ob sie mich auch wirklich nicht alleine ließen, wenn ich nicht mehr mit Axel in einer Wohnung, sondern in einer eigenen und ganz alleine leben würde, wurde immer wieder bestätigt.

Trotzdem musste ich ständig erneut das Selbe fragen aber erhielt erstaunlicherweise von ihnen die wiederkehrende beruhigende Aussage: obwohl ich ihnen sicher bereits tüchtig damit auf die Nerven fiel.

Vor einer Isolation hatte ich furchtbare Angst. Mir war absolut bewusst, dass ich ohne Begleiter weder an jeden Tag die Kraft aufbrachte, den üblichen Rhythmus und die Termine der Uni wahrzunehmen, noch dass ich es schaffen würde, regelmäßig alleine Einkäufe und damit meine Versorgung zu sichern. Ich wusste, dass ich an einigen Tagen die Wohnung nicht einmal verlassen würde um den Briefkasten zu öffnen.

Aber ich wusste einfach nicht wieso.

Es wäre mir nicht eingefallen, hier die anderen über meine „Untauglichkeit“ zu informieren, sie hätten es sicher nicht verstanden, eine vernünftige Erklärung dafür hätte ich auch nicht geben können

Der Umzug war mit den wenigen Dingen, die ich besaß auch schnell erledigt. Die erste Nacht war fast schlaflos. Die Wohnung lag im ersten Stock in der Einkaufszone der Innenstadt. Die Geräusche waren mir fremd und es hielten sich viele Menschen in der Nacht draußen auf. Ihre Unterhaltungen konnte ich Wort für Wort verstehen. Ich lag mit offenen Augen an die Decke starrend auf meinem Bett. Lichter wanderten über die Wand und Zimmerdecke, die von den Scheinwerfern vorbeifahrender Autos stammten. Da ich das Fenster, wegen der stickigen Sommerluft geöffnet halten musste, roch ich sogar die Personen, die auf der Straße rauchend, parfümiert oder mit Essen aus dem Schnellimbiss kamen.

Wie sollte ich hier Ruhe und Schlaf finden? Wie sollte ich hier so alleine überhaupt leben können? Wie sollte ich denn morgen in die Uni kommen, welcher Tag war überhaupt morgen?

Wie sollte es denn mit mir weitergehen und wenn ich nun nicht regelmäßig in die Uni gehen würde, dann würden meine Freunde am Ende mich doch vergessen haben und nicht mehr wiedererkennen.

Ich steigerte mich in die düstersten Gedanken und ermahnte mich selber, gefälligst ruhig zu atmen und keine Panik aufkommen zu lassen. Meine Furcht hatte mich trotzdem so im Griff, dass ich vorsorglich aufstand, mich anzog und anstatt auf dem Bett, mich in den Flur auf dem Teppich legte. Für alle Fälle wollte ich fluchtbereit bleiben. Vor was ich genau glaubte fliehen zu müssen, kann ich nicht sagen, aber diese Tendenzen in ausweglosen Situationen, weglaufen oder wegfahren zu wollen, ohne ein sinnvolles Ziel zu kennen, habe ich noch heute hin und wieder.

Im Flur auf dem Boden lag ich nun und nahm wahr, dass es bereits draußen wieder heller wurde. So muss ich dann doch eingeschlafen sein, denn ich schreckte hoch, als es klingelte…

…Es schellte nochmal und nochmal, laut und schrill, sodass ich doch öffnen musste.

Karo und Karl standen mit frischen Brötchen und einer Einkaufstüte vor der Tür.

Wie ich denn geschlafen habe, fragten sie und drückten mir gleich den Kaffee in die Hand. Wo denn die Teller wären, fragte Karl und wie ich denn denn das Regal aufstellen wollte.

Wir hatten ein sorgloses Frühstück und ich erzählte ihnen nichts von meiner Nacht, die ich zur Hälfte im Flur verbrachte.

Meine Sorge war vorüber und eigentlich gab es auch keinen Grund dazu. Es half mir zu wissen, dass wir doch auch unseren gemeinsamen Arbeitsraum hatten, in den ich jederzeit, wenn ich es alleine in der Wohnung nicht mehr aushielt gehen konnte. Diesen Arbeitsraum hatten wir zu 6 Studenten angemietet, er war unser fester Treffpunkt seit über einem Jahr in unmittelbarer Nähe zur Uni. Hier war immer einer von uns. Und wenn nicht, dann dauerte es nie allzu lange, bis jemand kam….

Es scheint für viele Autisten typisch zu sein, dass ihnen das Alleinesein und der Rückzug aus Gesellschaftsverpflichtungen ein Bedürfnis ist.

Das wirkt dann mitunter für Außenstehende paradox, da ja oft gleichzeitig eine geradezu kindliche Anhänglichkeit besteht.

Ich denke, Außenstehende differenzieren in dem Moment nicht zwischen den beiden Begriffen „Einsamkeit“ und „Allein“. Selbstverständlich leiden auch Autisten unter einer empfundenen Einsamkeit und Isolation.

Der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinesein ist doch deutlich.

Alleine ist eine Person, die sich bezogen auf eine definierte Raumsituation oder gewissen Zeitspanne in Abwesenheit anderer befindet. Es ist ein physischer Zustand.

Einsamkeit ist die Empfindung einer Person, die sich in einem isolierten Zustand sieht. Diese gefühlte Einsamkeit ist im Gegensatz zu einem selbst gewählten Alleinesein, eine sehr traurige und als bedrohlich empfundene Situation. Das ist ein psychischer Zustand.

Selbst in Menschenmengen kann eine Person Einsamkeit empfinden, wenn sie von Menschen umgeben ist, mit denen es sich nicht nach Gemeinsamkeit anfühlt. Wenn es Menschen sind, die einem nichts mitteilen, weil ihr Kontext, ihre Sprache und ihre Sichtweise eine so ganz andere ist, als die eigene.

Viele Autisten fühlen sich einsam in diesem Sinne. Die Personen, die nämlich etwa die selben Empfindungen und Sichtweisen haben sind rar.

Für mich waren diese drei Personen, die wichtigsten Menschen während dieser Zeit.

Und Wolfgang natürlich. Er war einer der beiden Schreinermeister, die als Hochschulangestellte in der Modellbauwerkstatt arbeiteten.

Wenn ich in der Uni war, klebte ich an Wolfgang und wich ihm kaum von der Seite. Er war 13 Jahre älter als ich und hatte alleine durch den Altersvorsprung in meinen Augen absolute Führungsqualität und Vorbildfunktion für mich.

Alles hatte ich zuvor mit Axel gemeinsam gemacht. Nun suchte ich mir in jedem Bereich einen festen Begleiter, dem ich anhänglich wie ein Hund folgte. Ich machte Pause, wenn Wolfgang Pause machte. Wenn er zur Mensa ging, ging ich mit ihm. Wenn er Material besorgte oder andere Dinge außerhalb der Werkstatt zu tun hatte, setzte ich mich irgendwo hin, wo ich ganz alleine war und wartete, bis er zurück kam. In dem Unigelände gab es einen begrünten Innenhof. Meistens zog ich mich dann für diese Zeit dahin zurück. Ich war dort immer alleine, nur Wolfgang kam mich dort abholen, wenn er zurück war oder mich suchte. Es war eigentlich Wolfgangs Hof, bzw. der seiner Schildkröten.

Er hatte dort zwei große griechische Landschildkröten, die durch die Wiese krochen und so oft wie möglich, frisches Obst und Gemüse von mir bekamen. Ich legte mich manchmal neben sie ins Gras, zeichnete sie in allen möglichen Positionen und genoss diesen ruhigen Ort als meinen Rückzugsort. Wenn Wolfgang mit mir alleine war, waren wir Freunde. Im Beisein anderer Studenten machte er sich aber über meine naive Art, über meine Unsicherheit und Unselbständigkeit lustig. Das war verletzend und irritierend. Ich verstand nicht, wieso ein und der selbe Mensch, der mich noch vor wenigen Minuten umarmte, mir lustige Geschichten und Erlebnisse erzählte, in Kürze mich so unangenehm bloßstellte. Ich wusste selber, dass ich in den Augen vieler Mitstudenten sehr kindlich und naiv war. Ich versuchte ja auch mir Mühe zu geben, mich anzupassen, worauf es aber genau dabei ankam, dass ich solche kindlichen und unerwachsenen Attribute mit mir herumschleppte, das wusste ich nicht.

…Ich bemühte mich also sehr, bei Unterhaltungen nicht aufzufallen; mich angepasst zu verhalten und mir meine Unsicherheiten nicht anmerken zu lassen. Das war anstrengend und belastend. Eine andere Wahl aber hatte ich nicht. In der Uni hatte ich nicht immer Karo, Karl oder Petra dabei. Die belegten Kurse waren nicht immer identisch. Meine Aufgaben, selbst wenn sie nichts mit der Modellbauwerkstatt zu tun hatten, machte ich eben darum lieber bei Wolfgang. Das wurde  geduldet. Aber das viel eben auch auf. Damit es nicht zu irgendwelchem „Gerede“ käme, dass wir etwas miteinander hätten, mache er eben so ab und an dann seine Späße darüber, sagte Wolfgang, als ich ihn fragte, wieso er sich so unterschiedlich mir gegenüber verhielt.

Aha, das war nun wieder der Preis, für die Begleitung und die Sonderrechte, die ich als Studentin dort hatte. Ohne die ich aber nicht sein konnte und ohne die ich keine Chance gehabt hätte, die Zeit zu bestehen.

Da wir ja auch oft genug alleine waren und es damit genug Zeiten gab, wo er mir gegenüber nett und freundschaftlich sein durfte, arrangierte ich mich mit dieser Situation und ertrug es, sein Clown zu sein, wenn er sich hätte sonst für mich schämen müssen…

Wir lernen frühzeitig, dass jeder Mensch einzigartig ist.

Wenn alle Personen Individuen und somit einzigartig sind, dann haben diese wiederum genau das „Einzigartigsein“ miteinander gemein. Dies ist doch ein tröstlicher und wieder miteinander verbindender Gedanke.

Ich hatte bereits hier sehr früh das unbestimmte Gefühl, an dieser Gemeinsamkeit nicht teilhaben zu können. Denn in meiner Empfindung schien ich dann irgendwie noch einzigartiger zu sein als die anderen.

Das ist nicht selten bereits eine in frühester Kindheit erworbene Erkenntnis vieler Autisten, die erschreckend und bedrohlich wirken kann.

So entstand der Begriff „Wrong – Planet – Syndrom, da sich viele Autisten, in ihrer Annahme „falsch gelandet“ zu sein, ziemlich einig sind.

Für mich wirkte diese Erkenntnis auch immer eher beunruhigend.

Mit dieser Erkenntnis einhergehend entstand gleichzeitig die hierzu verknüpfte Empfindung der Einsamkeit.

Personen die meiner Meinung nach für meine eigenen Empfindungen und Sichtweisen ein Verständnis aufbringen oder mir als solche erscheinen, sind darum auch noch heute absolut begehrt und notwendig. An diese orientierend und an diese mich festhaltend, wage ich Schritte in unbekannte und mir fremd erscheinende Situationen. Ohne diese Personen wage ich das nicht.

Diese Personen müssen nicht einmal Kenntnis davon haben, wie schwer es mir ohne sie fallen würde das Selbe zu tun, das Gleiche zu äußern, die Selbe zu sein, die ich dann vorgeben kann zu sein.

Logischerweise ist es nie leicht gewesen, zu erkennen, ob die eine oder andere Person auch wirklich mir gegenüber diese „Führungsqualitäten“ die ich ihr zuordne verdient. Ich bin wie die meisten Autisten angewiesen auf Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit.

Eine andere Absicht und Ambition als die, die mir mitgeteilt wird, erkenne ich nicht.

Da ich selber zu jedem Menschen, der mir Nahe ist, tiefe Loyalität empfinde und ich nicht anders kann, als meine eigene Sicht und Empfindung als Allgemeingültig voraus zusetzen, gehe ich bei jeder Freundlichkeit und Zugewandtheit anderer davon aus, dass sie ehrlich und aufrichtig gemeint ist.

Ein Trugschluss, wie ich weiß und erfahren habe. Dennoch bin ich nicht in der Lage eine hier aktive-kognitive Abwehrhaltung zu meinem persönlichen Schutz herzustellen.

5 Gedanken zu “Beziehungen und Abhängigkeiten

  1. WoW,

    Toll geschrieben!

    Ich weiß es nicht besser auszudrücken als das mich Deine echt gut geschriebene Lebensgeschichte, zumindest ein Einblick in dieser, wahrlich „Be-Eindruckt“ hat.

    Ich finde Du solltest daraus ein Buch machen!

    Ich war selten so vertieft in einem Text!

    Auch zeigen Deine Erfahrungen als Autistin, nochmals Aspekte die nicht so sehr bekannt sind. Deine Einzigartige Bindung zu Menschen („Begleitern“) diese Du aktiv ausgesucht hast, auch wenn dadurch oftmals Abhängigkeiten entstanden unter denen Du Dich Selbstentfremden musstest, da Du Dir einfach nicht anders zu helfen wusstest.

    Deine Bindung zu wertvollen und wichtigen Freunden.

    Und Deinen Mut und Entschlossenheit trotz dieser schweren Umstände, verbunden mit Selbstunsicherheit, da Du auch nicht wußtest was mit „Dir nicht stimmt!“ – Dennoch immer einen Weg zu finden, zeugt von großen Willen und „Leidensannahme.“

    „Weiß leider nicht wie ich es besser ausdrücken soll!“

    Achja, kurz zu mir: Ich selbst bin Atypischer Autist und ADS’ler.

    LG,

    Gestaltgnostiker

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    1. Das Buch ist in der letzten Dezemberwoche nun fertig geworden. Es wird derzeit von der Therapiestelle, von einer Freundin und meiner ehemaligen Klassenlehrerin Korrektur gelesen. Seitens der Therapiesstelle bekomme ich Unterstützung dabei, wie man einen Verlag findet…mit sowas bin ich schlicht überfordert. Auch mit der Selbsteinschätzung, ob es anderen ein Buch Wert sein könnte. Aber man sagt mir oft, es lohne sich und darum herzlichen Dank auch für deine Einschätzung.

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