Alles hat zwei Seiten…

Wenn ich auch persönlich sehr von dem Medikament Methylphenidat profitiere, so wäre mir selbstverständlich lieber, es ginge alles ohne dem.

Was ich als positiv betrachte, wie ich bereits erläutert habe, dass es erheblich meine Filterschwäche mindert und ich somit viel mehr Außenreize ertrage. Das bedeutet aber auch, dass ich ihnen länger ausgesetzt bin, da ich erst viel später meinem eigentlichen Bedürfnis nach Rückzug erlaube sich laut und wichtig zu machen.

Nun kenne ich mich nur als solche Person, die ich eben bin. Das bedeutet, ich weiß eben, dass einige meiner Schwierigkeiten und Eigenarten darin begründet sind, dass ich Autist bin und zudem ADHS habe.

Eine isolierte Form, die Regine ohne Autismus oder nur als Autistin – die Regine ohne ADHS oder nur mit ADHS liegt mir als Exemplar  gar nicht vor.

Wie also Menschen mit ADHS und dem Medikament klar kommen, kann ich gar nicht beurteilen. Für mich jedenfalls bedeutet es, dass sich ein paar Dinge durchaus von dem Empfinden, der Menschen ohne Autismus da unterscheiden könnten.

Wenn es also die Strukturhilfe und die Antriebssteigerung bei den AD(H)S lern ebenso positiv beeinflusst, wie ich das empfinde, so habe ich allerdings aufgrund meiner autistischen Wahrnehmung, hier weitere Einschränkungen, die natürlich von diesem Medikament in keinster Weise beeinflusst werden.

Das ist gleichzeitig die Gefahr, denn die Antriebssteigerung gaukelt mir und meiner Umwelt vor, es ginge mehr, als eigentlich möglich ist.

Es liegt somit in meiner Verantwortung, meine Ressourcen dennoch zu wahren und mich mitunter auch aus voller Fahrt heraus, etwas zurück zu nehmen. Dabei hatte es gerade so gut angefangen…denke ich dann oft. Dabei hätte der Tag doch noch ein paar Stunden…meine ich dann.

Selbst wenn durch das Medikament der Impuls zum Handeln, strukturierter und überhaupt erfolgt, bleibt die Überforderung und die Überlastung des Alltags dennoch gleich hoch für mich. Meine reduzierten und verlangsamten Verarbeitungsprozesse aufgrund meiner autistischen Wahrnehmung schaffen doch trotzdem nicht, das was an Außenreizen alles auf mich einströmt zu sortieren. Auch mit Medikation erlebe ich soziale und sensorische Überforderung.

Wenn ich die Summe der Erlebnisse innerhalb eines Tages mit Medikation betrachte, so hätte ich die selben Erlebnisse ohne Medikation kaum ertragen. Am Abend, nach dem die Wirkung nicht mehr zu spüren ist, erlebe ich einen massiven Kräfteverlusst. Teilweise schaffe ich es nicht mehr, am gemeinsamen Familientisch zu sitzen und mit meinem Mann und den Kindern zu essen. Ich beginne zu schaukeln vor Schwäche, halte noch ein paar Minuten durch, weil mir das selber einfach nicht Recht ist, sie nun da so unhöflich sitzen zu lassen…einsilbige Antworten gebend, kämpfe ich mich durch einen Teller mit Essen, was mir kaum schmeckt vor lauter Müdigkeit.

Natürlich ist nicht jeder Tag gleich schlimm. Aber mit Medikation habe ich deutlich die Tendenz, mich zu übernehmen und zu überfordern.

Überforderung ist hierbei ein relativer Begriff. Denn gemessen an der Norm, an den Menschen ohne nennenswerte Störungsbilder leiste ich nicht vergleichbar die Menge, die eine Bezeichnung  “ Überforderung “ rechtfertigt.

Somit muss ich gestehen, dass auch das Medikament nicht unschuldig daran ist, meine Leistungsgrenzen höher zu setzen, als sie eigentlich sind. Mit der Folge, dass ich zwar manche Termine plane und durchaus beabsichtige, aber ich eigentlich gar nicht dazu geschaffen bin.

Mit der Folge, dass ich mir selber sage, dass geht noch und mir ein Lächeln abzwinge, aber eigentlich längst hätte die Notbremse ziehen müssen.

Nach einer übervollen Woche, allen Anforderungen gerecht geworden zu sein tut auch mir gut. Eine ToDo-Liste mit vielen Haken, macht durchaus zufrieden. Das alles hätte ich ohne Medikament nicht geschafft.

Am letzten Tag der Woche dann die lange vorbereiteten Behördengänge, davon sogar zwei …quer durch eine überfüllte Stadt und volle Parkhäuser, Menschen die mich zu kennen scheinen…freundlich Lächeln, damit nicht auffällt, dass ich keinen Schimmer habe…noch wichtige Erledigungen und Besorgungen, da man ja schon einmal vor Ort ist…und so einen weiteren Haken machen kann…das alles habe ich mit Medikament geschafft.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen…

Ich mich derzeit nicht.

Ich rede kaum, reagiere auf Ansprache verlangsamt oder gar nicht. Und versuche verzweifelt so etwas wie eine Tagesroutine zu finden…Das Medikament zeigt auch noch immer eine Wirkung, denn ich fühle mich nur körperlich müde, mein Hirn arbeitet auf Hochtouren. Ein Motor der läuft, aber der Keilriemen ist gerissen heute…ich brauche eine Pause und jemand, der den Motor abstellt.

Ich habe einfach wieder einmal nicht gut auf mich geachtet. Die Liste zu voll gemacht. Und die Messlatte zu hoch gehängt.

Man muss ehrlich sein. Die Dinge haben immer zwei Seiten. Und auch Medikamente, so hilfreich sie sind machen aus einem Autisten…oder einem AD(H)S ler keinen, der sich mit der Norm messen und gleichsetzen lässt. Auch wenn wir es oft selber nicht wahr haben wollen.

Auch wenn es die Menschen mit „gesundem“ Hirnstoffwechsel so gerne hätten.

Wir bleiben in unserer Denk -und Wahrnehmungsweise, auch mit Medikamenten oder anderen Therapien, das was wir sind. Unsere Fähigkeiten können enorm gesteigert werden, durch Medikamente oder Therapien. Aber sehr wichtig ist es, die Eigenwahrnehmung zu trainieren und mit seinen persönlichen Ressourcen angemessen um zu gehen. Das ist vor allem zu bedenken, wenn man versucht aus den Kindern, noch herauszuholen, was irgendwie geht.

Es führt irgendwann unweigerlich zur Dekompensation. Teilhabe im Gleichschritt ist eine Illusion. Das schaffen wir einfach nicht.

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