Kategorie: autistische Wahrnehmung

Autistische Personen unterscheiden sich oft durch ihre andere Wahrnehmung von neurotypischen Personen. Ihre Art die Dinge, die Welt und ihre Mitmenschen zu sehen ist mitunter eine völlig abweichende. Nicht besser, nicht schlechter -einfach anders.

Kartoffelpüree-Tag

Heute ist mal wieder so ein Tag; ein Kartoffelpüree-Tag.

In den letzten Tagen ging es turbulent zu. Das lässt sich nicht immer vermeiden…nicht in einer Großfamilie und nicht wenn Autismus und ADHS in Mengen auf einander treffen.

Ich weiß aus Erfahrung, dass diese Bündelungen Overloads dann irgendwann in so einem Tag enden…und andere wissen das auch.

An solchen Tagen geht nichts mehr. An solchen Tagen bin ich nicht einmal bereit zu reden; außer das nötigste, was man so zwischen den Zähnen mit Zweiwortsätzen herausschieben kann. Ein Telefonat?…alleine das Schrillen, lässt mich schmerzhaft zusammen zucken.

Ich schließe die Haustüre ab. Keiner soll kommen und keiner soll irgendetwas von mir erwarten…ich habe Kartoffelpüree-Tag.

 

Kartoffelpüree ist das einzige, was an diesen Tagen tröstend ist. Kartoffelpüree ist unaufdringlich…in der ganzen Art…es ist weich und unanstrengend wenn man es im Mund hat. Nichts pieckst. Kartoffelpüree macht auch keinen Krach wenn man es isst…im Gegensatz zu Keksen…die wären die Hölle heute.

Kartoffelpüree ist fast farblos und fade…und damit genau richtig an so einem Tag.

003

Wenn die Wahrheit nicht passt, machen wir eine Lüge daraus.

„Wer war das?“

„Ich war das nicht“, sagte mein Bruder.

„Ich war das nicht“, sagte meine Schwester.

„Ich war das auch nicht“, wusste ich ganz genau. Schließlich hätte ich es eben so genau gewusst, wenn ich es kaputt gemacht hätte. Also konnte ich berechtigterweise sagen, dass ich das nicht war.

„Ich will nicht wissen wer das nicht war, ich will wissen wer das war!“, schimpfte unsere Mutter.

Gemeinsames Schweigen und das unangenehme Gefühl, dass wenn sich keiner meldet, wir alle am hellen Tag zur Strafe ins Bett mussten.

„So!… ausziehen, Schlafanzug an und rauf mit euch. Ich will euch so lange nicht mehr sehen, bis sich der gemeldet hat, der das war.“

„Also ich war das auf keinen Fall“, sagte meine Schwester. „… und wenn ich hier bis übermorgen liegen muss“.

„Ich war es auch nicht“, sagte mein Bruder. Mir ist es auch total egal, wie lange ich hier oben bin“.  Ich kann es auch gar nicht gewesen sein. Weil ich nämlich zu dem Zeitpunkt…..

Und so diskutierten beide gemeinsam alle Möglichkeiten durch und waren sich absolut einig.

So kamen sie, wie so oft zu dem Ergebnis, dass wenn sie es beide nicht gewesen sind, nur noch ich in Frage käme.

„Also, … bei Drei gehst du runter und gibst endlich zu, dass du es kaputt gemacht hast.“

„Genau“, stimmte meine Schwester ihm zu. „Wenn du nämlich sagst, dass du es gemacht hast, bekommst du viel weniger Ärger, als wenn wir jetzt gehen und sagen, dass du es warst“.

„Ja“, sagte mein Bruder. „Es ist immer besser, man selber gibt es zu. Es kommt sowieso raus. Und dann ist es um so schlimmer für dich.

Unter meiner Decke konnte ich trotzdem hören. Sie waren entschlossen. Sie mussten also beide wie ich, der Ansicht sein, dass sie es nicht waren. Sie waren also absolut berechtigt zu sagen: “ Ich war das nicht“!

Aber ich wusste genau, dass ich es auch nicht war. Wer war es denn dann? Ein ganz anderer. Aber wer?

„Es war ein ganz anderer“, versuchte ich mich unter der Decke zu melden.  Gleichzeitig stellte ich mir vor, wie die verschiedensten Gestalten unser Haus betreten haben könnten um wichtige Gegenstände zu zerstören. Ich gruselte mich.

Es war zudem kurz vor Ostern. Was wenn da ein riesiger Hase nachts hereinschleicht? Oder ein Einbrecher?

„Wer soll es denn gewesen sein? Wenn wir beide uns ganz sicher sind, dass wir es nicht waren, dann bleibst du nur übrig.  Also lüge nicht und geh jetzt runter“.

Ich schwöre hoch und heilig, um alles was mir lieb und Wert ist…ich bin es nicht gewesen. Weder habe ich diese Dinge gestohlen, noch zerstört, ich habe nicht die Creme von der Torte genascht und nicht den Putzlappen in die Toilette gestopft. Ich habe das Geld nicht genommen und auch nicht die Tabletten aus dem Schrank. Ich kann mich an alles erinnern. Und ich würde mich auch daran erinnern, hätte ich es getan.

Wie kann man beweisen, dass man nicht lügt, wenn andere behaupten man lüge? Ich weinte und das Weinen wurde als Beweis ausgelegt, dass ich nun Angst habe, weil ich eben gelogen hätte. Ich schimpfte und schrie…und das Schimpfen und Schreien war ihnen Beweis dafür, dass ich Unrecht hatte.

„Wer schreit lügt“!

Es war eine Falle; ohne Ausweg. Ich musste eine Lüge zur Wahrheit machen. Oder war es eine Wahrheit, aus der ich eine Lüge machen musste?

Ich kann das noch heute drehen und wenden…komme nicht wirklich zu einem Ergebnis.

„…zwei….und die letzte Zahl…ist…drei“!

Heulend und verrotzt, schlich ich die Treppe hinunter. Stufe um Stufe. Von oben kamen die passenden Kommandos: „Los, geh endlich…so schwer kanns ja nicht sein.“

Unten angekommen lauschte ich; durch die geschlossene Türe drangen beschäftigte Küchengeräusche. Diese verflixte letzte Stufe. Sie knarrte immer und verriet jeden der auf sie trat.

Ich hörte Schritte und wollte schnell wieder zurück. Aber da ging die Türe auf und meine Mutter schaute mich an. Ihr Gesicht verriet nicht, was sie davon hielt, dass ich da nun vor ihr stand. Ich sollte nun einfach sagen: „Ich war das!“ Es kam aber nichts aus mir heraus. Auch nach Aufforderung von ihr nicht. Ein innerer Konflikt, ein innerer Kampf…kaum vorstellbar, dass ich es mir so schwer machte. Sie hockte sich zu mir herunter und versuchte mir sogar zu helfen. Es sei nicht so furchtbar schlimm, meinte sie…

Oh doch, es war sehr schlimm. Denn ich sollte etwas zugeben, was ich nicht getan habe. Das war sogar sehr schlimm. Hätte ich es doch getan. Hätte ich es doch nur wirklich getan…dann wäre es mir leicht gefallen. Dann könnte ich einfach sagen, dass ich es gewesen bin.

Irgendwie musste das nun ein Ende haben. Irgendwie musste ich aus dieser Situation heraus kommen. Es war nicht auszuhalten. Mein Bauch tat so weh und der Hals schnürte sich zu.

„Die beiden waren es nicht“, schluchzte ich.

Damit sagte ich immerhin die Wahrheit. Und das war bereits eine Erleichterung. Das es die Wahrheit war, daran zweifelte ich nicht. Denn beide waren sich so sicher gewesen und sagten ja ganz deutlich, dass sie es nicht gewesen sein können.

„Soooo,….wer war es denn dann bloß?“

„Ich…, ich war…das auch nicht!

Der Blick meiner Mutter verriet mir immer noch nichts.  Schnell schob ich hinterher, dass es jemand anderes gewesen sein muss. Sie konnte ja nicht ahnen, dass es ein großer Hase war. Wie sollte ich ihr bloß erklären, welche Bilder ich hierzu in meinem Kopf hatte. Das war nicht irgendein friedlicher Osterhase. Er war riesig, hatte eine Brille auf. Sah ein bisschen so aus wie Onkel Günther, aber weit aus gefährlicher. Dieser Hase war so gruselig…das Grauen und das Böse schlechthin. Ich heulte und weinte und sie tröstete mich, aber sie hatte ja leider gar keine Ahnung, wie gefährdet und unsicher wir in diesem Haus lebten.

Nur so konnte es gewesen sein. Denn ich war es nicht. Und ich würde es zugeben, wäre ich es gewesen. Und die beiden waren es nicht, denn sie sagten es genau so.

Keiner kannte aber die Wahrheit. Und niemand wollte es mehr wissen. Sie durften sich anziehen, wir durften uns alle wieder anziehen. Es gab bald Abendbrot. Und noch zweimal schlafen, dann war Ostern.

Ich bekam Fieber, wie so oft an Feiertagen, an Geburtstagen oder Weihnachten, bekam ausgerechnet ich wieder Fieber.

Ich komme nicht klar mit der Lüge. Ich werde nie klar kommen mit der Lüge.

Begegnungen einer anderen Art

Gestern traf ich mich mit vier fremden Menschen, zwei davon habe ich noch nie zuvor gesehen.

Zwei davon auf einer Tagung flüchtig begrüßt und Sabine Kiefners Lesung dort gehört.

Nicht einmal die Stimme der anderen beiden war mir bekannt.

Trotzdem meine ich sie sehr gut zu kennen, sind mir ihre Gedanken und Ansichten sehr vertraut.

Wir teilen uns seit Wochen so viel mit, wie kaum Menschen sich in der realen Welt mitteilen würden.

Wir sind alle verschieden und wären uns im realen Leben niemals begegnet oder aufgefallen. Unsere einzige Verbindung war unser gemeinsames Thema.

Wir sind somit eine Interessensgemeinschaft und haben uns nur darüber gefunden.

Vor etwa drei Monaten gründeten wir eine Selbsthilfegruppe im Internet für Menschen die als gemeinsames Thema den Autismus haben. Hier gibt es Betroffene, Angehörige und Menschen, die beruflich mit Autismus zu tun haben.

Weil diese Menge Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, Fragen und Anliegen mittlerweile auf 80 aktive Mitglieder gewachsen ist, teilen wir vier Administratoren uns seit dieser Zeit intensiv online aus.

Kein Betroffener soll sich falsch und unverstanden fühlen. Keine Frage einer Mutter mit einem betroffenem Kind darf lange ohne Antwort bleiben.

Partner von Autisten wollen Erklärungen und Autisten wollen erklären.

Autisten sind verwirrt und bekommen durch verständnisvolle Aufklärung eine andere Sicht auf die Dinge.

Therapeuten oder Lehrer kommen an Grenzen und erhalten wiederum Einblick in die autistische Wahrnehmung durch Menschen, die ähnlich erleben und fähig sind ihre innere Wahrnehmung mitzuteilen.

Die Themen sind so vielfältig, wie verschieden wir Menschen dort alle sind.

Wir lachen gemeinsam, wir helfen prompt und schnell, wir handeln mal spontan oder besonnen und überlegt. Je nachdem, was gerade nötig ist.

Wir alle kommen uns näher, jeden Tag ein kleines Stück.

Wir sind jung und wir sind alt. Wir sind Männer und Frauen. Wir sind uns nicht immer einig und das ist gut so, denn sonst kämen wir niemals gemeinsam voran.

Sonst könnten wir uns den Austausch und unsere gemeinsame Arbeit und Suche nach Erkenntnis und Verständnis sparen.

Wir Administratoren und Gruppengründer trafen uns nun gestern das erste

Mal real.

Ob so etwas gut geht, kann man nicht wissen,wenn man es nicht probiert.

Vier Administratoren und ein weiteres Mitglied mit ebendieser Erfahrung und Funktion aus einer anderen Selbsthilfegruppe.

Wir trafen aufeinander und wir kannten uns. Als hätten wir jahrelang nichts anderes gemacht, als uns regelmäßig besucht.

Für nichtautistische Menschen ist das nichts ungewöhnliches.

Für nichtautistische Menschen ist eine solche Begegnung nicht der Rede wert.

Für mich ist es anders.

Ich brauche nach dieser Begegnung Stunden bis Tage um die schönen Erlebnisse, Eindrücke und meine Verwunderung darüber, wie nah und ähnlich wir uns waren überhaupt zu verarbeiten.

Die Begegnung war unanstrengend und leicht.

Die nachfolgenden Gedanken sind es nicht. Denn auch die positive Erfahrung versuche ich einzuordnen und zu verstehen. Vergleiche sie mit Begegnungen aus der Vergangenheit.

Prüfe ob ich meiner Wahrnehmung denn auch trauen kann und schreibe hierzu gerade parallel mit ihnen, um festzustellen, dass es ihnen nicht anders geht; Stunden danach.

Nichtautistische Menschen könnten heute bereits das nächst Programm angehen. Sie könnten sehr schnell zu ihrer gewohnten Tagesform zurückfinden.

Ich wäre heute weder arbeitsfähig, noch fähig eine wirklich sinnvolle Tätigkeit auszuführen.

Zwischenmenschliche Begegnungen sind und bleiben ein Kraftakt und etwas, was sich nur wohl dosiert und gut organisiert bewältigen lässt.

Ich werde niemals darauf verzichten wollen. Sie sind mir wichtig und wertvoll, die Menschen.

Aber ich ertrage nur wenige und in Maßen so nah.

Die Pausen zwischen den einzelnen Begegnungen müssen lang genug sein, damit die Eindrücke, die so lebhaft und nachhaltend, so präsent und tief überhaupt verarbeitet werden können.

Wir sind also sicher alle schneller überfordert, dafür aber auch schneller zufrieden.

Wir ertragen nicht viel, also brauchen wir auch weniger.

Wir suchen keine Zerstreuung sondern gezielte Zentrierung auf das Wesentliche.