AD(H)S und Autismus

Man sollte nicht Äpfel und Birnen miteinander verwechseln. Auch nicht Autismus und AD(H)S. Aber Äpfel und Birnen können durchaus gemeinsam vorkommen, so wie AD(H)S und Autismus.

Es gibt hier verschiedene Meinungen und gerade das Thema ADHS und ggf. hierzu wirksame Medikamente, lassen viele Betroffene, vor allem aber nicht Betroffene heftig diskutieren.

Auf dem Punkt:

Ich habe beide Diagnosen, sowohl AD(H)S, als auch Autismus.

Diese Kombination und beide Störungsbilder isoliert, kommen in meiner Familie gehäuft vor und die habe ich auch (ohne Absicht) weitergegeben. Insofern kann ich mir hier lange Erklärungen der genetischen Ursachen sparen, denke ich.

Was relativ interessant, aber sicher auch wieder kontrovers diskutiert wird, ist die These von der Frau Dr. Simchen , Kinderneurologin und Kinderpsychiaterin, spricht, dass es wohl einige Genome mit autistischen Merkmalen gäbe, die zugleich auch für das AD(H)S zuständig seien.

Da es sowieso mehrere autismusmarkierte Gene sein werden, die eine Autismus-Spektrum-Störung verursachen, die Kombination unter den einzelnen Genomen zudem sehr variiert, ist es nicht verwunderlich, dass es Menschen gibt, die beide Störungsbilder haben und dies in einem Ausmaß, dass es deutlich wird und auch diagnostiziert werden kann.

In beiden Fällen treffen nämlich mehrere Kriterien zu. Sind es nur einige wenige, gehört das zu der „normalen Variante“ der Menschen ohne Störungsbild. Auch hier soll es ja gelegentlich verschlossenere oder impulsivere Modelle geben…die aber keinesfalls gleich eine ICD 10 Ziffer als Stigma erhalten.

Es ist demnach also eher wahrscheinlich, dass im Zusammenhang mit einer genetischen Disposition der Autismus und das AD(H)S gehäuft anzutreffen ist.

Möglich ist aber auch, dass zunächst nur AD(H)S diagnostiziert wurde und sich erst mit breiterer Sicht auf die Person, dann eine Korrektur ergibt; das Kind, der Jugendliche dann die Diagnose Autismus-Spektrum-Störung erhält.

Im Grunde ist es ja völlig egal für den Betroffenen selbst, wie sein Dilemma bezeichnet wird. Er hat mitunter einen nicht unerheblichen Leidensdruck. Ganz gleich ob durch ein einzelnes Störungsbild isoliert oder durch die Kombination dieser beiden. Er fällt überall auf, begonnen im Kindergarten und Schule, wie weiterfolgend bei der Suche nach Freunden, Partnern oder einer geeigneten Ausbildungsstelle. Einige isolieren sich zunehmend, andere geraten durch den Versuch der Eigentherapie in Abhängigkeit, Alkohol, Drogen, gewisse Gruppen, etc.

Wenige Betroffene beider Störungsbilder kommen unauffällig durchs Leben. Wenige Betroffene beider Störungsbilder haben einen Job, der sie oder ihre Familie ernähren kann. Wenige Betroffene entwickeln keine weiteren Erkrankungen als Komorbidität, wie Depression o.ä.

Nun ist es so, dass ich hier wieder nur für mich sprechen kann; ich habe beides erlebt und sehe beides auch an Familienmitgliedern…

und ich habe Glück im Unglück, denn ich profitiere sehr deutlich von dem umstrittenen Wirkstoff Methylphenidat  (Ritalin, Medikinet, Concerta…etc).

Und zwar meines Erachtens in beiderlei Hinsicht. Sowohl was meine autistischen Schwierigkeiten angeht, als auch meine Probleme, die sicher ADHS begründet sind.

Das Methylphenidat ist ja eine Art Amphetaminsubstanz und damit ein Aufputschmittel. Es hat also antreibende Wirkung und wird sowohl bei ADS ohne Hyperaktivität, als auch bei AD(H)S mit Hyperaktivität eingesetzt. Noch immer haben das nicht alle verstanden, denn es scheint ja in gewisser Weise auch paradox, einem aufgekratzten Flummi, der über Tische und Bänke geht, noch zusätzlich ein Aufputschmittel zu verpassen.

Dazu muss man eben wissen, dass beide Formen des Aufmerksamkeitsdefizit- Syndroms sogn. Minus-Erkrankungen sind. Aufgrund einer Botenstoffverteilungsstörung ist das Gehirn hier eher in einer schlechten Versorgung…zumindest gewisser Hirnareale…darum bezeichnet man alles was reduzierte Symptome macht, als Minus Symptomatiken. ( Minus im Antrieb, Minus in der Aufmerksamkeit, Minus in der Konzentration, Minus in der Impulskontrolle, Minus in der Filterfunktion für emotionale und sensorische Reize, ….)

Mit dem Effekt, dass ein Mensch, der wirklich unter diesem AD(H)S leidet, sowohl die dauerhafte Unruhe, Impulskontrollschwäche, Antriebsarmut, etc. durch das Medikament im Griff bekommt, seine Botenstoffe im Gehirn, dort hingelangen, wo sie eben bei den Menschen mit gesundem Hirnstoffwechsel von ganz alleine hingelangen.

So wird der ADHSler ruhig und weniger chaotisch, der ADSler endlich sortiert und motiviert.

Für mich persönlich ist die Reizüberflutung durch die Hypersensibilität, die ein autistisches Kriterium ist, eine sehr starke Beeinträchtigung. Die Summe aller Reize, lassen sich kaum filtern, oder in Wichtig oder Unwichtig einordnen. Emotionale Belastungen, sofern sie hinzu kommen, reichen dann aus um mich für Stunden bis Tage in den Orbit zu schießen. Man nennt das auch Overload, und wer das kennt, weiß, dass dies kein Spaß ist und keine harmlose Reizüberflutung…es ist ein Alptraum und ein Ausnahmezustand, den es zu vermeiden gilt.

Somit ist eigentlich jede 7-Tagewoche auf etwa die Hälfte reduziert.

Damit ist man nicht geeignet für die Arbeitswelt und nicht tauglich genug um unauffällig durch den sozialen Alltag zu kommen. Das alleine ist bereits für sehr viele Autisten , ohne die zusätzlichen Kriterien, wie Störungen der Kommunikation und Stereotypien/Rituale, etc. zu erwähnen, eine extreme Einschränkung… (Behinderung ihrer persönlichen Fähigkeiten)

Katastrophal empfinde ich meine Dyspraxie, die wohl einige autistischen Personen haben. Eine Unfähigkeit Gedachtes und durchaus Gewolltes und Nötiges in eine Handlung umzusetzen. Diese Handlungsblockade nimmt mit zunehmender Reizüberflutung zu, sodass ich mitunter nicht einmal in der Lage wäre, eine einfache Bitte um Rückzug, Ruhe oder ggf. Hilfe zu äußern, oder mich aus einer Situation selber herauszubewegen.

Mit dem Medikament habe ich hier einige Stunden am Tag eine Entlastung. Die Filterfunktion ist besser. Das bedeutet, dass ich unwichtige Reize weitgehend ausblenden kann. Ich nehme sie immer noch wahr, aber sie treten in den Hintergrund. Dadurch ist die Erschöpfung deutlich geringer, ich halte einige Stunden länger durch. Meine sozialen Ambitionen sind wesentlich stärker ausgeprägt. Ich kann Einkäufe mit dem Medikament erledigen und ertrage nicht nur die Gespräche an der Kasse, ich kann  (und mag manchmal) sogar entsprechend antworten.

Jetzt höre ich jemanden sagen: “ Dass kannst du auch ohne Medikament.“ Das stimmt, aber ohne muss ich mich zwingen und fühle mich grässlich dabei. Und zwingen kann ich mich aufgrund Dauerbelastung nach so vielen Jahren leider immer weniger. Was natürlich aussieht, als sei ich eine nörgelige, griesgrämige, menschenscheue Person. Was ich eigentlich gar nicht bin.

Mit dem Medikament sehe ich eine Tätigkeit im Fokus und bringe sie zum Ende. Ich empfinde Telefonate zwar als zwingende Notwendigkeit, aber ich ertrage während der Wirkungszeit des Medikamentes einen Anruf und oder erledige selber solche Anrufe.

Mit Medikament habe ich die Möglichkeit, gewisse Routinen zu verlassen, wenn es durch ein turbulentes Familienleben, dass man mit vier Kindern eben nun hat, zu Veränderungen kommt. Dramen und Krisen, die sich hier aufgrund unserer Vielfachbetroffenheit eigentlich dauernd ereignen, lassen mich erstaunlicherweise auch immer noch nicht komplett aufgeben und die vielen kleineren Zusammenbrüche habe ich Dank dieser Medikation immer doch noch überlebt.

Es macht Sinn, bei jedem Einsatz von Medikamenten nach der persönlichen Verträglichkeit und dem persönlichen Vorteilen für sich zu entscheiden. Es macht Sinn, wenn die Vorteile überzeugen und überwiegen, die vielleicht vorgefasste Meinung und Haltung zu überdenken.

Es macht überhaupt Sinn, hierzu immer einmal wieder neu über den Tellerrand hinaus zu schauen, denn die Forschung, Wissenschaft, Erkenntnisse und die vielen Berichte der Betroffenen, geben immer wieder neuen Einblick…neue Denkanstöße.

Wichtig ist das für alle die, die nach uns kommen und die nicht unbedingt den langen, steinigen Weg gehen müssen, den wir haben gehen müssen.

http://www.ADHS-Deutschland.de

http://www.adhs-studien.info

 

 

 

 

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12 Gedanken zu “AD(H)S und Autismus

    1. Ich habe Medikinet zwar nicht „offiziell“ getestet, da ich nur Asperger habe, aber früher mal ab und zu Tabletten von einer Freundin bekommen und ich finde, dass es mich in sozialen Situationen irgendwie sortierter macht. Ich kann mich besser auf langweiligen Smalltalk konzentrieren und bei mir ist die Sensorik ebenfalls besser. Schade, dass es nicht für Autisten zugelassen ist.

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      1. es ist nicht für Autisten ( bzw gegen Autismus oder deren Symptomatiken ) zugelassen. Das stimmt. Da aber etwa 40 bis 50 % der Asperger als komorbide Störung AD(H)S haben, solltest du vielleicht in Erwägung ziehen, hier einmal eine Diagnostik anzusteuern. Denn wenn du entsprechend positiv reagierst auf das Medikament, deine Lebensqualität sich damit erhöht, dann durchaus, weil wahrscheinlich ist, dass du ebenfalls ADHS hast. Somit wäre dann auch die Medikation für dich möglich.

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      2. Hi, danke für deine Antwort! Ich finde es recht unwahrscheinlich, dass bei mir ADHS vorliegt. Mein Freund und meine beste Freundin haben beide ADHS und ich bin deutlich sortierter als die beiden. Ich beantworte Mails schnell, ich räume auf ohne abgelenkt zu werden, ich plane gerne Ausflüge und es strengt mich auch nicht sonderlich an. Die Konzentrationsprobleme, die ich habe, beziehen sich eigentlich nur auf soziale Interaktion.

        Allerdings finde ich es sehr spannend, wie ADHS und Autismus zusammenhängen. Wie du ja schreibst, ist die Komorbidität ziemlich hoch und auch bei mir in der Familie gibt es sowohl Autisten, als auch ADHSler. Ob das auch daran liegen könnte, dass sich die beiden untereinander gut verstehen und anfreunden? Wenn ich mit meinem Freund ein Kind bekäme, hätte es ja vielleicht beides…

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      3. Hm, dann muss ich vielleicht doch nochmal tiefer recherchieren. Als Kind hätte das gepasst, ich war ziemlich verträumt und hab beim Hausaufgabenmachen mehr aus dem Fenster geschaut als geschrieben. Könnte aber auch der Overload gewesen sein. Vor der Aspergerdiagnose hatte ich mal „Sluggish Cognitive Tempo“ im Verdacht. Ich geh dann mal deine Beiträge zu Autismus und AD(H)S auswendig lernen 😉

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      4. Ich bin ein absoluter Listenfan. Ich bin immer pünktlich…Habe eine penible Handschrift und wenn ich Dinge mache, vor allem für andere…arbeite ich gewissenhaft und exakt.
        Also möglicherweise kompensiert der Autismus einiges…und umgekehrt.
        Was natürlich die Belastung nicht geringer macht.

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      5. Was an dir kannst du denn dem AD(H)S zuordnen und woher weißt du, welches Symptom in welche „Schublade“ gehört? ZB Probleme mit den exekutiven Funktionen kommen ja bei beiden vor.

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      6. Die beiden Sachen kenn ich. Für eine Autistin war ich immer schon ungewöhnlich abenteuerlustig… Hoffentlich nerv ich dich grad nicht 😮 Das ist lieb, dass du mich aufklärst, danke

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