Wenn die Wahrheit nicht passt, machen wir eine Lüge daraus.

„Wer war das?“

„Ich war das nicht“, sagte mein Bruder.

„Ich war das nicht“, sagte meine Schwester.

„Ich war das auch nicht“, wusste ich ganz genau. Schließlich hätte ich es eben so genau gewusst, wenn ich es kaputt gemacht hätte. Also konnte ich berechtigterweise sagen, dass ich das nicht war.

„Ich will nicht wissen wer das nicht war, ich will wissen wer das war!“, schimpfte unsere Mutter.

Gemeinsames Schweigen und das unangenehme Gefühl, dass wenn sich keiner meldet, wir alle am hellen Tag zur Strafe ins Bett mussten.

„So!… ausziehen, Schlafanzug an und rauf mit euch. Ich will euch so lange nicht mehr sehen, bis sich der gemeldet hat, der das war.“

„Also ich war das auf keinen Fall“, sagte meine Schwester. „… und wenn ich hier bis übermorgen liegen muss“.

„Ich war es auch nicht“, sagte mein Bruder. Mir ist es auch total egal, wie lange ich hier oben bin“.  Ich kann es auch gar nicht gewesen sein. Weil ich nämlich zu dem Zeitpunkt…..

Und so diskutierten beide gemeinsam alle Möglichkeiten durch und waren sich absolut einig.

So kamen sie, wie so oft zu dem Ergebnis, dass wenn sie es beide nicht gewesen sind, nur noch ich in Frage käme.

„Also, … bei Drei gehst du runter und gibst endlich zu, dass du es kaputt gemacht hast.“

„Genau“, stimmte meine Schwester ihm zu. „Wenn du nämlich sagst, dass du es gemacht hast, bekommst du viel weniger Ärger, als wenn wir jetzt gehen und sagen, dass du es warst“.

„Ja“, sagte mein Bruder. „Es ist immer besser, man selber gibt es zu. Es kommt sowieso raus. Und dann ist es um so schlimmer für dich.

Unter meiner Decke konnte ich trotzdem hören. Sie waren entschlossen. Sie mussten also beide wie ich, der Ansicht sein, dass sie es nicht waren. Sie waren also absolut berechtigt zu sagen: “ Ich war das nicht“!

Aber ich wusste genau, dass ich es auch nicht war. Wer war es denn dann? Ein ganz anderer. Aber wer?

„Es war ein ganz anderer“, versuchte ich mich unter der Decke zu melden.  Gleichzeitig stellte ich mir vor, wie die verschiedensten Gestalten unser Haus betreten haben könnten um wichtige Gegenstände zu zerstören. Ich gruselte mich.

Es war zudem kurz vor Ostern. Was wenn da ein riesiger Hase nachts hereinschleicht? Oder ein Einbrecher?

„Wer soll es denn gewesen sein? Wenn wir beide uns ganz sicher sind, dass wir es nicht waren, dann bleibst du nur übrig.  Also lüge nicht und geh jetzt runter“.

Ich schwöre hoch und heilig, um alles was mir lieb und Wert ist…ich bin es nicht gewesen. Weder habe ich diese Dinge gestohlen, noch zerstört, ich habe nicht die Creme von der Torte genascht und nicht den Putzlappen in die Toilette gestopft. Ich habe das Geld nicht genommen und auch nicht die Tabletten aus dem Schrank. Ich kann mich an alles erinnern. Und ich würde mich auch daran erinnern, hätte ich es getan.

Wie kann man beweisen, dass man nicht lügt, wenn andere behaupten man lüge? Ich weinte und das Weinen wurde als Beweis ausgelegt, dass ich nun Angst habe, weil ich eben gelogen hätte. Ich schimpfte und schrie…und das Schimpfen und Schreien war ihnen Beweis dafür, dass ich Unrecht hatte.

„Wer schreit lügt“!

Es war eine Falle; ohne Ausweg. Ich musste eine Lüge zur Wahrheit machen. Oder war es eine Wahrheit, aus der ich eine Lüge machen musste?

Ich kann das noch heute drehen und wenden…komme nicht wirklich zu einem Ergebnis.

„…zwei….und die letzte Zahl…ist…drei“!

Heulend und verrotzt, schlich ich die Treppe hinunter. Stufe um Stufe. Von oben kamen die passenden Kommandos: „Los, geh endlich…so schwer kanns ja nicht sein.“

Unten angekommen lauschte ich; durch die geschlossene Türe drangen beschäftigte Küchengeräusche. Diese verflixte letzte Stufe. Sie knarrte immer und verriet jeden der auf sie trat.

Ich hörte Schritte und wollte schnell wieder zurück. Aber da ging die Türe auf und meine Mutter schaute mich an. Ihr Gesicht verriet nicht, was sie davon hielt, dass ich da nun vor ihr stand. Ich sollte nun einfach sagen: „Ich war das!“ Es kam aber nichts aus mir heraus. Auch nach Aufforderung von ihr nicht. Ein innerer Konflikt, ein innerer Kampf…kaum vorstellbar, dass ich es mir so schwer machte. Sie hockte sich zu mir herunter und versuchte mir sogar zu helfen. Es sei nicht so furchtbar schlimm, meinte sie…

Oh doch, es war sehr schlimm. Denn ich sollte etwas zugeben, was ich nicht getan habe. Das war sogar sehr schlimm. Hätte ich es doch getan. Hätte ich es doch nur wirklich getan…dann wäre es mir leicht gefallen. Dann könnte ich einfach sagen, dass ich es gewesen bin.

Irgendwie musste das nun ein Ende haben. Irgendwie musste ich aus dieser Situation heraus kommen. Es war nicht auszuhalten. Mein Bauch tat so weh und der Hals schnürte sich zu.

„Die beiden waren es nicht“, schluchzte ich.

Damit sagte ich immerhin die Wahrheit. Und das war bereits eine Erleichterung. Das es die Wahrheit war, daran zweifelte ich nicht. Denn beide waren sich so sicher gewesen und sagten ja ganz deutlich, dass sie es nicht gewesen sein können.

„Soooo,….wer war es denn dann bloß?“

„Ich…, ich war…das auch nicht!

Der Blick meiner Mutter verriet mir immer noch nichts.  Schnell schob ich hinterher, dass es jemand anderes gewesen sein muss. Sie konnte ja nicht ahnen, dass es ein großer Hase war. Wie sollte ich ihr bloß erklären, welche Bilder ich hierzu in meinem Kopf hatte. Das war nicht irgendein friedlicher Osterhase. Er war riesig, hatte eine Brille auf. Sah ein bisschen so aus wie Onkel Günther, aber weit aus gefährlicher. Dieser Hase war so gruselig…das Grauen und das Böse schlechthin. Ich heulte und weinte und sie tröstete mich, aber sie hatte ja leider gar keine Ahnung, wie gefährdet und unsicher wir in diesem Haus lebten.

Nur so konnte es gewesen sein. Denn ich war es nicht. Und ich würde es zugeben, wäre ich es gewesen. Und die beiden waren es nicht, denn sie sagten es genau so.

Keiner kannte aber die Wahrheit. Und niemand wollte es mehr wissen. Sie durften sich anziehen, wir durften uns alle wieder anziehen. Es gab bald Abendbrot. Und noch zweimal schlafen, dann war Ostern.

Ich bekam Fieber, wie so oft an Feiertagen, an Geburtstagen oder Weihnachten, bekam ausgerechnet ich wieder Fieber.

Ich komme nicht klar mit der Lüge. Ich werde nie klar kommen mit der Lüge.

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2 Gedanken zu “Wenn die Wahrheit nicht passt, machen wir eine Lüge daraus.

  1. Wow! Ich liebe Deinen Geschichten. Ich bin selbst kein Autist, aber mich fasziniert dieser Blick auf die Welt und Dinge. Vielen Dank dass Du Deine Gedanken mit anderen teilst und alles Gute für Dich.

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