Begegnungen einer anderen Art

Gestern traf ich mich mit vier fremden Menschen, zwei davon habe ich noch nie zuvor gesehen.

Zwei davon auf einer Tagung flüchtig begrüßt und Sabine Kiefners Lesung dort gehört.

Nicht einmal die Stimme der anderen beiden war mir bekannt.

Trotzdem meine ich sie sehr gut zu kennen, sind mir ihre Gedanken und Ansichten sehr vertraut.

Wir teilen uns seit Wochen so viel mit, wie kaum Menschen sich in der realen Welt mitteilen würden.

Wir sind alle verschieden und wären uns im realen Leben niemals begegnet oder aufgefallen. Unsere einzige Verbindung war unser gemeinsames Thema.

Wir sind somit eine Interessensgemeinschaft und haben uns nur darüber gefunden.

Vor etwa drei Monaten gründeten wir eine Selbsthilfegruppe im Internet für Menschen die als gemeinsames Thema den Autismus haben. Hier gibt es Betroffene, Angehörige und Menschen, die beruflich mit Autismus zu tun haben.

Weil diese Menge Menschen mit unterschiedlichen Meinungen, Fragen und Anliegen mittlerweile auf 80 aktive Mitglieder gewachsen ist, teilen wir vier Administratoren uns seit dieser Zeit intensiv online aus.

Kein Betroffener soll sich falsch und unverstanden fühlen. Keine Frage einer Mutter mit einem betroffenem Kind darf lange ohne Antwort bleiben.

Partner von Autisten wollen Erklärungen und Autisten wollen erklären.

Autisten sind verwirrt und bekommen durch verständnisvolle Aufklärung eine andere Sicht auf die Dinge.

Therapeuten oder Lehrer kommen an Grenzen und erhalten wiederum Einblick in die autistische Wahrnehmung durch Menschen, die ähnlich erleben und fähig sind ihre innere Wahrnehmung mitzuteilen.

Die Themen sind so vielfältig, wie verschieden wir Menschen dort alle sind.

Wir lachen gemeinsam, wir helfen prompt und schnell, wir handeln mal spontan oder besonnen und überlegt. Je nachdem, was gerade nötig ist.

Wir alle kommen uns näher, jeden Tag ein kleines Stück.

Wir sind jung und wir sind alt. Wir sind Männer und Frauen. Wir sind uns nicht immer einig und das ist gut so, denn sonst kämen wir niemals gemeinsam voran.

Sonst könnten wir uns den Austausch und unsere gemeinsame Arbeit und Suche nach Erkenntnis und Verständnis sparen.

Wir Administratoren und Gruppengründer trafen uns nun gestern das erste

Mal real.

Ob so etwas gut geht, kann man nicht wissen,wenn man es nicht probiert.

Vier Administratoren und ein weiteres Mitglied mit ebendieser Erfahrung und Funktion aus einer anderen Selbsthilfegruppe.

Wir trafen aufeinander und wir kannten uns. Als hätten wir jahrelang nichts anderes gemacht, als uns regelmäßig besucht.

Für nichtautistische Menschen ist das nichts ungewöhnliches.

Für nichtautistische Menschen ist eine solche Begegnung nicht der Rede wert.

Für mich ist es anders.

Ich brauche nach dieser Begegnung Stunden bis Tage um die schönen Erlebnisse, Eindrücke und meine Verwunderung darüber, wie nah und ähnlich wir uns waren überhaupt zu verarbeiten.

Die Begegnung war unanstrengend und leicht.

Die nachfolgenden Gedanken sind es nicht. Denn auch die positive Erfahrung versuche ich einzuordnen und zu verstehen. Vergleiche sie mit Begegnungen aus der Vergangenheit.

Prüfe ob ich meiner Wahrnehmung denn auch trauen kann und schreibe hierzu gerade parallel mit ihnen, um festzustellen, dass es ihnen nicht anders geht; Stunden danach.

Nichtautistische Menschen könnten heute bereits das nächst Programm angehen. Sie könnten sehr schnell zu ihrer gewohnten Tagesform zurückfinden.

Ich wäre heute weder arbeitsfähig, noch fähig eine wirklich sinnvolle Tätigkeit auszuführen.

Zwischenmenschliche Begegnungen sind und bleiben ein Kraftakt und etwas, was sich nur wohl dosiert und gut organisiert bewältigen lässt.

Ich werde niemals darauf verzichten wollen. Sie sind mir wichtig und wertvoll, die Menschen.

Aber ich ertrage nur wenige und in Maßen so nah.

Die Pausen zwischen den einzelnen Begegnungen müssen lang genug sein, damit die Eindrücke, die so lebhaft und nachhaltend, so präsent und tief überhaupt verarbeitet werden können.

Wir sind also sicher alle schneller überfordert, dafür aber auch schneller zufrieden.

Wir ertragen nicht viel, also brauchen wir auch weniger.

Wir suchen keine Zerstreuung sondern gezielte Zentrierung auf das Wesentliche.

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3 Gedanken zu “Begegnungen einer anderen Art

  1. Toll, dass es geklappt hat.

    So ähnlich empfand ich unsere wenigen Treffen auch. Man kennt sich, ohne sich je gesehen zu haben. Man muss nicht nach einem Gesprächsstoff suchen, da viele Themen ja bereits angesprochen wurden und man da „einfach“ weitermachen kann.

    Es kostet nach wie vor Kraft, aber es ist weniger anstrengend als ein Wochenendeinkauf. 😉

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  2. Pingback: Anonymous

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