Flucht in die Magersucht ist auch keine Lösung

Fortsetzung von:“ Beziehungen oder Abhängigkeiten 

https://heutebinichanders.wordpress.com/2013/04/28/beziehungen-oder-abhangigkeiten/

…“Warum nur war ich so anders? Was an mir war denn nicht richtig, dass ich mich einfach überall falsch fühlte? „

Hierauf eine Antwort zu finden, wagte ich gar nicht erst zu hoffen.

Dennoch grübelte ich immerzu, warum ich mich in so vielen Dingen von den anderen offensichtlich unterschied. Ich empfand diese Unterschiede in vielen Bereichen, ohne sie jedoch deutlicher eingrenzen und benennen zu können. Noch heute ist es nicht einfach für mich, meine Empfindungen, die eben hier mitunter ausschließlich in Bildern und Emotionen abgespeichert sind, mit Worten zu beschreiben.

Ich kann es darum lediglich mit den einzelnen Geschichten versuchen zu erklären.

Natürlich gab ich mir Mühe, die Beziehung zwischen Axel und mir aufrecht zu erhalten. Schließlich war mir ja seine Freundschaft und die damit sichergestellte Begleitung durch mein Studium wichtig. Das hört sich nun im Nachhinein berechnend an. Mir war aber zu dieser Zeit wirklich nicht bewusst, dass ich aus diesen Gründen mit ihm so lange zusammenblieb. Er war doch halt mein Freund und ich glaubte darum, ihn zu lieben. Das ich ihn mochte ist ohne Frage.

Aufgrund der zunehmenden Belastung und der sozialen Anforderungen, die der Alltag und unsere anstrengende Beziehung mit sich brachten, geriet ich von einer Krise in die nächste. Mir war selber bewusst, dass ich hier überfordert war. Schließlich bemerkte ich, dass ich mich nach einem eigenen Zimmer sehnte, nach Ruhe und Alleinesein. An manchen Tagen hätte ich eben mich mal ganz alleine gebraucht. Ich bemerkte auch, dass ich mich immer stärker in meine eigenen Kopfgeschichten und Grübeleien verkroch, so wie ich es immer während der Schulzeit getan habe und auch heute noch praktiziere, wenn das Außen an Anforderungen mir zu viel wird. In meine Kopfgeschichten lasse ich meine Mitmenschen selten hinein. Dieser Bereich ist eigentlich ausschließlich mir zugänglich. Der einzige Ort, der nur mir gehört und den ich nicht bereit bin zu teilen.

Dieser Rückzugsort ist auch wohl in dieser Zeit meine Rettung gewesen, die Möglichkeit meine reduzierten Ressourcen zu waren. Dazu blieb ich immer häufiger alleine zu Hause und verbrachte wirklich Stunden in einer Ecke sitzend, auf dem Boden hockend, so Woche für Woche. Ich aß kaum etwas und verlor auch irgendwie das Verhältnis zur Zeit. Das Verhalten meinerseits wurde bereits von Axel und Freunden angesprochen. Meine Ausreden wurden immer unglaubwürdiger. Immer häufiger fühlte ich mich sehr krank, litt unter ständigen Kopfschmerzen und konnte an manchen Tagen vor Schwäche und Schwindel kaum laufen. Einige Male fuhren mich Freunde zu Arzt. Aus der heutigen Sicht würde ich sagen, dass ich in einer tiefen Depression geraten war. Schließlich ließ sich auch der deutliche Gewichtsverlust nicht mehr vor meinen Freunden verbergen. Vor Axel natürlich auch nicht. Er versuchte mich zum Essen und natürlich zur Aktivität zu nötigen. Beides waren wiederum  weitere Forderungen an mich und führten wiederum dazu, dass ich mich glaubte abschotten und verkriechen zu müssen.

Als er sagte, dass er keine Lust hätte, auf eine Freundin, an der nichts mehr dran wäre, was nach einer Frau aussehe, dachte er wahrscheinlich, er hätte ein vernünftiges Argument gefunden, was mich dazu brächte, wieder zuzunehmen.

Für mich aber war das genau die Chance, mich für ihn unzugänglich und sexuell unattraktiv zu machen.

Zumindest glaubte ich, wäre sein Interesse damit, mit mir schlafen zu wollen erloschen.

Das war aber leider doch nicht so.

Als Karl eines abends mit mir alleine war, sprach er ohne zögern seine Befürchtung aus: „ Du bist magersüchtig, ich finde du musst zu einem Arzt.“

Es war zwecklos zu leugnen, dass es mir nicht gut ging. Es war zwecklos zu leugnen, dass ich Gewicht verloren hatte. Auch bei meinen Eltern gab es die selben Vermutungen und ich scheute mich vor Besuche, weil ich diese Art Gespräche meiden wollte.

Ich unterhielt mich lange mit Karl und er hörte geduldig zu. Seiner Meinung nach, konnte ich in dieser Beziehung, so wie sie sich für mich darstellte, nicht bleiben.

Wie konnte er so etwas sagen? Er war doch aus Axels Semester und somit Axels Freund. Nun sprach er sich gegen ihn aus. Ich weinte und sagte ihm, dass ich aber dann doch ganz alleine wäre, denn alle meine Freunde seien ja Axels Freunde.

Er wäre aber nicht nur wegen Axel mit uns befreundet, sondern vor allem auch wegen mir und könne sich das Elend nicht mehr länger mit ansehen. Ich würde weder ihn, noch Wolfgang, noch Karo. usw. verlieren. Sie alle machten sich bereits Sorgen und würden mir auch bei einem Auszug und bei allem was danach käme helfen.

Meine Zuneigung und Liebe zu meinen Freunden fühlte ich intensiv. Aber ich vermochte nicht in umgekehrter Richtung ein ähnlich intensives Gefühl einer Erwiderung zu erkennen. Meine Gefühle für Personen, sind aufrichtig und ausfüllend. Leider ist dieses Gefühl nur in die eine Richtung, auf eine Person hin für mich präsent. Der evntl. Rückweg, solcher Gefühle eines anderen Menschen für mich, ist nicht oder kaum fühlbar. Damit dann auch oft nicht glaubhaft und vielleicht in meinen Augen sogar nicht vorhanden.

Dann blieb zu allem Übel meine Periode aus und nun, so glaubte ich wäre es passiert.

Ich bin wieder schwanger“, sagte ich zu Axel und ihm fiel nichts besseres ein, als zu sagen, dass viele Frauen mindestens eine Abtreibung in ihrem Leben hinter sich hätten. Eine zweite wäre nun auch nicht das Drama.

Nicht, dass ich mir oder uns ein Kind zugetraut hätte. Nicht dass ich nicht panisch und verzweifelt wünschte, es sei nur eine Verzögerung. Diese Aussage, die Axel da machte aber war der entscheidende Hinweis, dass er sich lediglich an mir bediente. Dass er eine evntl. Konsequenz einer intimen Beziehung und ein „Zu-mir-Stehen“ nie ernsthaft in Erwägung gezogen hatte. Das war dann doch auch erschütternd, enttäuschend und irgendwie verletzend.

Ich ging also in den nächsten Tagen zu einem Gynäkologen.

Ich fürchtete mich so sehr vor einer Bestätigung meiner Befürchtung. Außerdem fürchtete ich mich davor, ihm dann zu sagen, dass ich das Kind gar nicht haben konnte.

Es war ein älterer Arzt, der sofort in einem väterlichen Ton, freundlich aber bestimmend sagte: „ Du gehst da erst mal auf die Waage.“

Bei einer Größe von 164 cm wog ich nun 45 Kilogramm.

Ihre Waage geht nicht richtig“, wagte ich einen Versuch. „meine zu Hause hat 2 Kilo mehr angezeigt.“

Er sagte nichts, sondern schaute mich lange und durchdringend an, sodass es mir sehr unangenehm war und ich den Kopf senkte, damit er nicht in mein Gesicht sehen konnte. Nachdem er einige Notizen machte, deutete er zu dem Untersuchungsstuhl.

Nein, schwanger bist Du nicht. „ sagte er.

Oh, Gott sei Dank“, dachte ich, „ aber warum guckt der denn so?“

Bei einem solchen Gewicht, bleibt die Periode einfach aus“, erklärte er. „ Dein Körper weiß selber nur allzu gut, dass er mit dem Zustand, in den du dich da gehungert hast, gar kein Kind austragen kann. – Seit wann geht dass schon so?“ …

Ich weiß nicht mehr die genaueren Fragen, die sich an diese erste unangenehme Frage anschloss. Jedenfalls hatte ich am Ende einen Brief für meinen Hausarzt in der Hand.

Dr. Schuster kannte mich bereits ziemlich lange und in den letzten Monaten intensiver durch einige meiner Zusammenbrüche. Auch die Gewichtsreduzierung war ihm beim letzten Besuch nicht entgangen. Er nahm sich für das Lesen des Briefes erstaunlich viel Zeit; unangenehm viel Zeit.

Auf seinem Schreibtisch stand ein Drahtmännchen, welches an einem Metallbarren turnte. Damit spielte ich nun, ließ es Purzelbäume schlagen und schielte besorgt und gespannt zwischendurch immer wieder hoch zu seinem Gesicht.

Schließlich räusperte er sich und schaute noch in seine eigenen Unterlagen.

So Regine, unter Katholiken, jetzt sagst Du mir, was da alles los ist“?

Oh, ich bin gar nicht katholisch, sagte ich erschrocken, „sollte ich katholisch sein, wenn ich von ihnen behandelt werden will?“

Das ist doch nur so ein Ausdruck, wie -jetzt mal unter uns-; sonst nichts,“ sagte er lächelnd und zählte dann, in seine Kartei schauend, meine letzten Besuche bei ihm auf.

Ich hatte diesen Ausdruck so noch nie gehört. Hätte ich ihn gekannt, hätte ich mich auch nicht so kindisch und blöd angestellt.

Er brauchte auch gar nicht alle Besuche und Gründe aufzählen, ich war ja schließlich bei all diesen Besuchen persönlich anwesend gewesen.

Hinter den einzelnen Episoden, machte er eine Pause, als erwartete er von mir jeweils eine erklärende Ergänzung.

Dann ergoss sich seine Rede über mich:

So ginge es nicht weiter…und wenn ich seine Tochter wäre. Auch sagte er, dass ich ihm für das eine zu jung und für eine andere Sache aber wiederum „alt genug“ sei. Er sprach von Hilfe und von Verantwortung, von nicht gesund und nicht normal…

Während des Redens füllte er eine Überweisung zum Neurologen aus, die er mir hin schob, und eine Karte mit der Adresse.

Für die genauere Wiedergabe seiner Rede, bin ich gedanklich viel zu früh ausgestiegen. Meine Aufmerksamkeit richtete sich nämlich nur darauf, dass er doch hoffentlich nicht vor hatte, irgendetwas an meinem Kopf, meinem komischen Gehirn reparieren zu lassen.

Davor hatte ich panische Angst.

Und diese Angst hatte eine ganz eindeutige Ursache:

Als ich etwa in der 6. Klasse war, beschlossen meine Eltern mich wegen meiner Matheschwäche in einer Nachhilfeschule anzumelden.

Diese war ein Institut mitten in der City von Wuppertal. Ein Dr. Rensch leitete es und über verschiedene Etagen gab es Räume, in denen Schüler am Nachmittag Förderung erhielten.

Jeden Tag, außer freitags hatte ich um 15 Uhr mit meinem Ranzen dort zu erscheinen um dort meine Hausaufgaben zu machen und Matheaufgaben zu lösen.

Dr. Rensch war ein älterer, großer Mann. Weshalb dieser „Arzt“ nun lieber Mathehausaufgaben machte, anstatt Menschen mit Blinddarmentzündung oder ähnliches zu operieren, hätte ich gerne von ihm gewusst.

Das fragte ich nicht, sondern erklärte mir den Grund selber. Vielleicht durfte er nun nicht weiter ein Doktor sein, weil bei ihm zu viele Menschen auf dem OP-Tisch verstorben waren. „Das wird es gewesen sein“, dachte ich und darum war er auch so griesgrämig und meist übel gelaunt.

An einem Tag, waren alle bereits gegangen, nur ich durfte nicht ohne meine letzte Aufgabe gemacht zu haben nach Hause.

Während ich verzweifelt die Lösungen riet, lief er auf und ab. Ich versuchte nicht zu heulen, aber es war zwecklos. Irgendwann ging er Richtung Tür und Waschbecken des Zimmers, dort hing ein graues Telefon an der Wand. Er wählte und konnte sich so innerhalb des Hauses, mit anderen Lehrern unterhalten.

Ja, Rensch hier, gib mal Dr. Soundso……“

Jetzt war ich dran“, dachte ich, „jetzt kommt noch einer und die machen `was mit mir“

….ja, ich hab hier die Schülerin, von der ich dir erzählte. Komm mal bitte runter.“

Ein etwas jüngerer Mann kam in das Zimmer und die beiden sprachen kurz zusammen. Dann schaute er mich an und fragte mich überraschend „1×1? -schnell!“

Ich sagte ohne zu zögern ebenso prompt „2“ und wusste doch sofort, das war falsch.

Dann unterhielten sie sich wieder und es fiel das Wort „Rechenoperationen“.

Jetzt hielt mich nichts mehr auf meinem Stuhl. Ich sprang panisch auf, riss zwei Stühle um, weil sich meine Jacke daran verfing; und als der jüngere Doktor auf mich zu lief, mit ausgebreiteten Armen, sprang ich ohne Jacke über einen Tisch zur Tür, die Treppe hinunter, durch die gläserne große Haustür, zwischen den vielen Fußgängern hindurch, die ganze Fußgängerzone entlang. Ich rannte noch als ich aus der Stadt in die Wohngebiete kam – bis nach Hause.

Zu Hause bemerkte ich, dass mein Ranzen und ja auch meine Jacke fehlte und als meine Mutter sagte, dass ich das aber brauche und es noch holen sollte, da brach ich laut heulend in ihren Armen zusammen. Niemals, niemals mehr ginge ich da hin, die wollten an meinem Gehirn was operieren, die wollten versuchen, ob man da was schneiden und ob ich dann besser rechnen kann.

Ich muss sie sehr beeindruckt haben, denn ich brauchte nie wieder dort hin. Wie nun mein Ranzen und meine Jacke wieder zu mir kam, das weiß ich nicht. Daran fehlt mir jegliche Erinnerung.

Namen geändert

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7 Gedanken zu “Flucht in die Magersucht ist auch keine Lösung

    1. „oh man, Regine….Du hast auch so manchen Packen zu tragen“…,gehabt. Es sind ja bloß Erinnerungen, nimabe 😉 allerdings können die einen mächtig gefangen nehmen. Sie kleben nachhaltig und lassen sich durch kleine Ähnlichkeiten sofort wieder mit der damals erlebten Emotion verbinden. Diese Trigger sind nicht ungefährlich für meine Stimmungen. Aber das Schreiben ist nicht schlimmer als meine andauernden Filme in meinem Kopf. Diese sind ja sowieso nicht zu stoppen. Mit dem Schreiben erst sind sie einmal zu Worten und Begriffen geworden. Erst jetzt kann ich diese Gedanken auch verbal äußern und mit Menschen, zB. meinen Mann, meinen Kindern oder Personen der Therapiestelle damit in Kommunikation gehen. Zuvor war ich mit meinen Erlebnissen alleine. Nun bekomme ich manchmal Antworten und Erklärungen, die eine ganz andere Sichtweise möglich machen

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      1. Ja, ich verstehe Dich nur zu gut. Mit dem Schreiben lässt man dann aufmal die lange verdrängt gemeinten Erlebnisse zu. Die Erinnerungen fluten einen. Und es ist auch richtig, dass man erst nachdem man diese Gedanken sozusagen erlaubt hat, indem man sie geschrieben hat, darüber reden kann. Es ist immer gut, wenn man dann jemanden hat, der einen wertschätzt, ernst nimmt und liebt. Das Glück habe ich endlich vor knapp 14 Jahren auch erfahren dürfen. Ich lasse für mich keine Therapie zu, aus verschiedenen Gründen, mir hilft es, wenn ich dann mit meinem Mann, meiner Tochter, oder meinen Freundinnen rede. Meist kommen dann die Erkenntnisse von alleine. Alleine das Zulassen bewirkt dann bei mir, dass ich verarbeiten kann. Ich sehe klarer und erkenne, dass ich als Kind, junge Erwachsene und auch später als junge Frau offensichtlich keine Chance hatte, bzw. keine, die ich hätte wahrnehmen können. -auch wieder aus verschiedenen Gründen-.

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  1. Regine,

    danke. dass Du diese Erinnerungen teilst. Ich bin froh, Dich immer mehr kennenlernen zu dürfen und möchte Dir gerne zurückmelden, dass ich Dich sehr mag.

    Deine Erinnerungen wecken „verdrängte“ Erinnerungen bei mir. Und das ist gut und richtig!

    Anita

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