Beziehungen oder Abhängigkeiten

Man benötigt Personen, die einem die sozialen Missverständnisse und Verwirrungen erklären, wenn man selber nicht in der Lage ist, diese zu verstehen.

Für die meisten Menschen ist das zwischenmenschliche miteinander Umgehen kein großes Problem. Sie deuten diffuse Gesten und Augenblicke sicher und intuitiv. Für viele Autisten ist das nur mit kognitiver Leistung und selten treffsicher zu verstehen und zu deuten, was zwischenmenschlich untereinander geschieht.

Wer als Autist in diesen Momenten alleine auf sich gestellt ist, kommt sich mitunter vor, wie ein „dem Rudel Wölfen zum Fraß vorgeworfener Fleischbrocken“.

So oft wie ich auf Menschen „Freunde“ hereingefallen bin, mich deren Meinung vertrauend in Missverständnisse verstrickt habe, so oft bin ich ebenso mit meiner eigenen, auf Logik und Beobachtungen basierenden Erklärungen hereingefallen.

Das macht nicht unbedingt Mut, neue Menschen, neue Orte kennenzulernen. Oder mit Mut eine weiterführende Schule zu besuchen.

Nach der 10 Klasse besuchte ich die Fachoberschule für Gestaltung.

Aus meiner Schule nahmen wir zu Dritt an der Begabungsüberprüfung teil. Ich betete und hoffte, dass wir gemeinsam bestehen, oder wenn die beiden, mir bekannten Personen nicht bestehen würden, dann sollte ich bitte, bitte ebenso durchfallen.

Es kam anders. Ich musste doch tatsächlich ganz alleine, ohne eine mir vertraute Person, ohne ein bekanntes Gesicht nach den Sommerferien in eine neue, fremde Schule.

In diesen Sommerferien stellte eine Mitschülerin aus meiner alten Klasse den Kontakt zu einem Jungen her, der bereits diese neue Schule absolviert hatte und der nun auf ein Studienplatz wartete.

Axel war älter als ich, 21 Jahre. Und Axel kannte sich aus. Er war überhaupt mit allem vertraut, was mir noch unklar und fremd war. Er erklärte mir welche Lehrer ich zu erwarten hätte und welche Fächer auf mich zu kämen.

Er wiederum stellte Kontakt her zu einem Mädchen, was die Klasse 12 wiederholen musste. Und damit war ich nicht mehr ganz so alleine an dieser Schule.

Ich besuchte Axel während der Sommerferien öfter und er wurde mein erster Freund.

Meine Erlebnisse in der neuen Schule konnte ich ihm mitteilen, er begleitete mich sogar öfter und weil er so gesellig und gerne von sich und seinen Erfahrungen erzählte, er der Wissende war, hingen ihm beizeiten meine neuen Mitschüler ebenso an den Lippen wie ich.

Ich hätte ihn zwar lieber unmittelbar direkt in der Schule an meiner Seite zur Orientierung gehabt, aber die Mitschüler wurden mir mehr und mehr vertraut. So ging es auch ohne ihn.

Diese Freundschaft mit Axel, brachte mich in eine Position, die ich zuvor nie hatte.

Ich gehörte zunehmend zu einem, nämlich seinem festen Freundeskreis. Alle älter und von ganz anderer Art, als ich es von den Mitschülern gewohnt war, die ich jahrelang in meiner Hauptschulklasse erlebte.

Einige von ihnen studierten bereits in den verschiedensten Fachrichtungen und meine Unsicherheiten, Schüchternheit und Naivität wurde nicht ausschließlich verlacht, sondern ich erhielt ab und an wirklich brauchbare Erklärungen.

Das Ganze hatte nur auch ein paar kleine Haken.

Ich war offiziell Axels Freundin. Offiziell bedeutete dann auch, die regelmäßige Teilnahme an gemeinsamen Feiern, Partys und Besuche in Szenenkneipen, wo Studenten sich eben damals so aufhielten.

Manchmal gelangen mir Ausreden. Wenn nicht meine gewohnten Krankheiten/Symptome, wie Übelkeit und Migräne einen Rückzug genehmigten, dann ließ ich es über mich ergehen, zahlte also meinen Preis dafür, dass ich dazugehörte.

Diese Abende waren laut, eng, gefüllt mit vielen fremden Menschen und enorm anstrengend. Manchmal bekam ich währenddessen solche Kopfschmerzen und Schüttelfrost, Weinkrämpfe, dass dies nur mit meiner „empfindlichen, oder schwachen Konstitution“ von ihrer Seite aus erklärbar war.

Ich konnte mir das doch ebenso nicht erklären und hasste mich dafür, so wenig tauglich zu sein. Ich wusste nur, ich war doch eigentlich immer schon so und wusste nicht warum.

Ich hasste manchmal sogar diese Freundschaften, denn sie waren so anstrengend und verlangend, dass ich es kaum ertrug. Vielfach war ich wirklich krank und fehlte an den Folgetagen in der Schule.

Dennoch machte ich dort recht gut meine Abschlussprüfung und nahm an der Begabungsüberprüfung (in Axels Fußstapfen folgend) an der Uni im Fachbereich Industrial-Design teil. Wiederum bestand ich nur alleine aus meiner Abschlussklasse.

Aber das war mir nun egal. Denn ich kannte bereits einige an dieser Uni, wenn auch in den höheren Semestern.

Ich hatte mittlerweile genug Begleiter gefunden, an ihnen brauchte ich mich nur zu orientieren.

Ohne aber wäre ich verloren gewesen, ich brauchte diesen Freund und manche seiner Freunde ebenso. Das war mir absolut bewusst, darüber gab es keine Zweifel.

Meine Eltern zogen zu dieser Zeit etwa 100 KM weit in eine andere Stadt.

Ich blieb natürlich in meinem Studienort und zog in eine winzige Dachwohnung.

Kaum eine Nacht ertrug ich es dort. So einsam und verloren kam ich mir vor. Ich wagte kaum die Augen zu schließen und die Stille kann so entsetzlich laut sein. Den eigenen Körper zu hören ist wohl eine ungewöhnliche Art der Wahrnehmung. Den eigenen Körper zu hören und sich zu fürchten, dass beim Aufhören des mitgezählten Herztons auch das Leben beendet sein könnte ist schon ein Anzeichen von Verrücktheit.

Jede Nacht schlief ich nun bei Axel und wohnte quasi in seiner Wohnung.

Das forderte seinen nächsten Preis.

Mein dringendes Bedürfnis nach Rückzug und absoluter Ruhe, nach ungestörten Nächten, das hatte ich zuvor in meinem Elternhaus noch gehabt. Die Nächte, die wir damals zusammen verbrachten waren wenige, überschaubar und immerhin wegen unserer offiziellen Freundschaft in Ordnung. Nun nicht mehr.

Ich war nie allein. Keinen Tag, keine Stunde, keine Nacht.

Natürlich war ich so auch nie einsam, wie ich es in meiner Dachwohnung gewesen wäre Aber ich litt unglaublich unter dieser ständigen Verfügbarkeit meiner Person für ihn und für die anderen.

Soziale Überforderung ist etwas, was mir heute noch ungeheuer zu schaffen macht. Es können die liebsten Menschen sein. Wenn sie zu viel sind, sind sie eben zu viel.

Zudem verstand Axel überhaupt nicht, dass ich Sex nicht entspannend sondern aufgrund meiner Hypersensibilität als weitere Belastung empfand.

Ich benötigte nach einer Reizüberflutung, nach Besuch und einen langen Uni-Tag vielleicht eine ruhige und feste Umarmung. Ich hätte mich gerne an ihn gekuschelt und wäre mit ihm in einer engen Umarmung sicher und gehalten eingeschlafen. Aber er sah das anders. Seine Hände streichelten nach viel zu kurzer Umarmung schnell und zügig hier und da an meinem Körper. Er zupfte an meinem Hemd und gleichzeitig an meiner Hose. Es war eine Überreizung taktiler, olfaktorischer und akustischer Art. Das einzige was mir blieb, die Augen fest zu schließen um wenigstens das Visuelle auszublenden. Es hätten an die 20 Hände sein können – für meine bereits überstrapzierten Nerven, alles eine weitere Belastung die nur schmerzhaft war.

Männer brauchen das aber“, erklärte er mir. Keine wäre so wie ich und ich stelle mich an, sagte er.

Ich riskierte diese Partnerschaft, diese wichtige Begleitung, das wurde mir bewusst.

Ich bat um einen Kompromiss. Wenigstens verlässliche sexfreie Tage zu haben, damit es Abende gab, wo ich mit Sicherheit nicht Erwartungen erfüllen musste, nicht funktionieren musste. Er lies sich auf wenige Tage ein. Ich hätte mehr benötigt. Ich hätte auch mehr benötigt um ihn lieben zu lernen, denn ich nahm mehr und mehr wahr, wie sich alles in mir sträubte und ich gerne in der Lage gewesen wäre ohne ihn zu leben.

Ich hätte ihn vielleicht lieben gelernt, wenn er an diesen freien Tagen mich trotzdem hätte gehalten und in einer festen ruhigen Umarmung ich meine Ruhe hätte finden können.

Das können Männer nicht“, sagte er. Ich könne nicht erwarten, dass er mich fühlt, meinen Körper an seinen und dabei nichts empfindet“.

Das erwartete ich doch nicht. Er könne doch etwas empfinden, etwa das selbe wie ich. Eine warme, ruhige und sichere Umarmung, das wäre doch eine gute Empfindung, sagte ich.

Ich schien eine völlig verschiedene Spezies zu sein.

Da ich ja bekannterweise die „falsche“ von uns und von allen war, gab ich mich mit seiner Ansicht zufrieden und glaubte weiterhin, mit mir stimme etwas nicht.

Ich versuchte also diverse Tricks, mich seinen Forderungen zu entziehen.

Schließlich war ich nicht in der Lage ohne ihn oder ohne irgendjemanden zu leben.

Was für ein Dilemma. Was für ein hoher Preis, den ich zu zahlen hatte für Begleitung und eine gewisse Assistenz durch die sozialen Regeln des Uni-Alltags und dieser Gesellschaft zu kommen.

Warum nur war ich so anders? Was an mir war denn nicht richtig, dass ich mich einfach überall falsch fühlte?

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5 Gedanken zu “Beziehungen oder Abhängigkeiten

  1. Die Frage nach dem „Warum“ hat sich nach der Diagnose für Dich geklärt. Strategien die nicht so „teuer“ sind, zu finden ist schon schwieriger.

    Am schwierigsten ist für mich die Frage, wie vermittel ich meinen Kindern, dass man diesen „Preis“ in der Form nicht zahlen muss. Das es anders gehen kann und wie finde ich die Hilfe für die Kinder?

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    1. Anita, das weiß ich nicht. Das sich dieses Dilemma aber so und ähnlich bei den Kindern wiederholt, das sehe ich zur zeit und daraus resultiert nun auch hier mein Artikel. Auf diesen werden ganz bald die Fortsetzungen meiner Geschichte folgen. Denn so niedergeschrieben, mit Euch und der Therapiestelle reflektiert, gelingt mir vielleicht, Dir und meinen KIndern darauf eine Antwort zu geben

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  2. Meine Erfahrungen mit Partnerschaften waren ganz ähnlich. Aber ich habe mich denen dann sehr schnell entzogen, weil ich mich wie ein Gebrauchsgegenstand fühlte und es nicht schaffte „Nein“ zu sagen, sondern die Berührungen ertrug, auch wenn sie mich überforderten und mir oft auch missfielen. Irgendwann war ich nicht mehr bereit, diesen Preis zu zahlen. Zum Glück hatte ich immer meine Eltern in meiner Nähe, die mich unterstützten und meinen Vater (meine Mutter ist 1995 gestorben), der dieses bis heute tut, ohne zu fragen, warum ich manche Dinge eben nicht kann und auf ihre Hilfe angewiesen war bzw. heute noch bin. Für mich nimmt meine BeWo-Betreuerin den Platz der Person in meinem Leben ein, die mich in den Dingen unterstützt, mit denen ich überfordert bin und die auch soziale Dolmetscherin für mich ist. Sie und meine Freundin machen es mir möglich, dass ich an die Öffentlichkeit gehe und Vorträge halte, dass ich Veranstaltungen besuchen kann etc. Eine Beziehung kann ich mir heute nicht mehr vorstellen, weil meine Vorstellung davon eine ganz andere ist als die der Männer. Zumindest sind das meine persönlichen Erfahrungen.

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  3. ich befinde mich gerade in solch einer situation…nur liebe ich ihn dazu auch noch wirklich…ich weiss auch nicht wie ich da raus kommen soll, ich habe schon so viel mit mir machen lassen, und nun von einen tag auf den anderen lässt er mich gehen…und ich weiss nichts damit anzufangen 😦

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  4. Guten Tag, auch ich habe eine Partnerschaft nach 8 Jahren aufgegeben (wir kennen uns 40 Jahre lang) …ich konnte einfach nicht mehr..diese Zurückweisungen und ungeklärten Missverständnisse aufgrund dieser „Andersartigkeit“ habe ich nicht mehr ertragen können. Ich liebe meinen Ex-Partner sehr, er ist ein so toller Mensch aber diese „Ungereimtheiten“ in unserer Beziehung haben mich einfach überfordert ich war nicht mehr ich selbst. Alles habe ich versucht…mich zurückgezogen, ihn mit meiner Anwesenheit nicht genervt, versucht mich wieder anzunähern…nichts ging mehr….zu guter letzt haben wir uns nur noch einen „Guten Morgen“ gewünscht….ich habe mich so schrecklich gefühlt. Kurz vor dem „Ende“ habe ich ihn mit dem Begriff „Autismus im Alter“ konfrontiert…es gab nur Gelächter…es war ein Tabuthema. Für mich ist das nicht nachvollziehbar..eine so tiefe Liebe aufzugeben, nur weil man sich zu seiner Andersartigkeit nicht bekennen will. Ich hätte einen Weg gefunden seine „Gefühlswelt“ so zu nehmen, wie sie eben ist…mal so und mal so. Und nun gibt es nicht einmal mehr Freundschaft…das macht mich sehr, sehr traurig. Marion

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