An Euch Fachleute für Autismus

Anlässlich des kommenden Welt-Autismus-Tages finden derzeit wieder vermehrt Vorträge und Fortbildungen zu dem Thema Autismus, bzw. Autismus-Spektrum-Störung statt.

Sabine Kiefner schreibt hierzu auch in ihrem Blog

http://aspergerfrauen.wordpress.com/2013/03/17/welt-autismus-tag-ein-tag-fur-autistinnen/

wie notwendig dieser Tag ist und wie sinnvoll er eigentlich sein könnte.

Ich benutze nun hier bewusst den Konjunktiv, denn ich bemerke, wie viele meiner Mitbetroffenen auch, dass die Medien sich zwar mitunter um Berichte von und über Menschen mit Autismus geradezu reißen, allerdings bleibt der aufklärende Effekt meines Erachtens noch aus.

Da es sehr unterschiedliche Vorstellungen in der Gesellschaft über Autismus gibt, die Medien sogar häufig zu diesem oft falschen und einseitigem Denken beitragen, gibt es nach wie vor unzählige Klischees, mit denen sich autistische Menschen tagtäglich konfrontiert sehen.

Klischees sind nicht hilfreich.

Darüber ärgern sich nicht nur die Betroffenen, die dies auszubaden haben, sondern auch die Fachleute, die sehr gute Arbeit machen und uns dahingehend im Blick haben, dass sie uns die nichtautistische Welt erklären, entwirren und manchmal erheblich erleichtern.

Veranstaltungen und Berichterstattungen die anlässlich des Welt-Autismus-Tages oder eben unter diesem Motto stattfinden, sollten einzig und allein die tatsächlich vorhandenen Interessen und Bedürfnisse der Autisten im Blick haben.

Hier geht es um uns.

Es gibt die unterschiedlichsten Blickwinkel aus denen sich Menschen dieser Thematik annähern.

Es gibt Menschen, die sich ausschließlich beruflich mit Autismus beschäftigen.

Die nennen sich dann Therapeuten, Ärzte, Psychologen, Pädagogen, usw.

Es gibt Angehörige von Menschen mit Autismus und eben die Betroffenen selber.

Nicht alle vertreten die selben Interessen, nicht alle reden mit uns gemeinsam über das Thema Autismus, über das was es für uns bedeutet in unserem alltäglichen Leben und Erleben.

Einige die sich mit dieser Thematik in den nächsten Tagen auseinandersetzen werden, reden leider ausschließlich über uns.

Sie überlegen, wie wir wohl denken und fühlen.

Sie fragen sich ob wir dies oder jenes überhaupt ähnlich oder vielleicht doch ganz anders empfinden.

Es interessiert sie durchaus unsere Wahrnehmung und unsere manchmal so andere Art die Welt und diese Gesellschaft zu sehen, aber sie erklären sich dann das „wie“ gerne mit ihren eigenen Worten, mit ihrer eigenen Logik und kommen anhand ihrer nichtautistischen Beobachtungen zu ihren nichtautistischen Schlussfolgerungen.

Ich halte das für eine äußerst fragwürdige Art miteinander weiterzukommen.

Natürlich mache ich nicht den Menschen einen Vorwurf, die erst seit kürzester Zeit auf dieses Thema aufmerksam geworden sind.

Eltern, die erst vor kurzem für ihr Kind eine Diagnose bekamen, haben so viele Fragen und einen enormen Informationsbedarf.

Auch Lehrer, die erst neulich durch einen diagnostizierten Schüler mit Autismus und was dies alles nun auch für seinen Schultag bedeutet, konfrontiert wurden, sind keine Fachleute, von denen wir differenziertes Denken um diese Sache voraussetzen dürfen.

Im Gegenteil, es sind Menschen, mit hohem Informationsbedarf.

Ich spreche Euch Fachleute an, die ihr bereits seit Jahren mit autistischen Menschen arbeitet. Sie diagnostiziert oder ihnen auch eine Diagnose verweigert, die Ihr an ihnen therapiert und versucht sie anzupassen an diese nichtautistische Welt.

Ihr Fachleute, die Ihr wiederum Euren Nachwuchs an Psychologen und Therapeuten schult und diesen Nachwuchs auf unsere Besonderheiten und Unzulänglichkeiten aufmerksam macht.

Wie sie uns u.a. daran erkennen können, dass wir im Bereich der Kommunikation Einschränkungen und Defizite haben.

Ihr, die Ihr so oft über uns kommuniziert, aber doch so selten mit uns.

Ihr habt so oft Eure eigenen Belange dabei im Blick und so wenig unsere tatsächlichen Bedürfnisse.

Vielleicht hattet Ihr vor Jahren eine Idee und eine Vorstellung von Autismus und was es für autistiche Menschen bedeutet, ein ganzes Leben lang Autist zu sein.

Die muss nicht richtig gewesen sein. Die dürft Ihr dann auch durchaus aktuallisieren und ggf. korrigieren.

Diese Vorstellung kann sich ja ergeben haben durch schlechte, überholte und knappe Fachliteratur.

Sie kann auch entstanden sein, durch die Konfrontation und die Arbeit mit Hunderten Menschen mit Autismus.

Aber Euer Blick reduziert sich dann doch auch nur auf eben diese hundert Menschen mit Autismus.

Das ist dann nicht „der Autismus“

Wenn ich hundert neurotypische Menschen kennenlerne, maße ich mir nicht an, zu wissen wie die Menschheit denkt.

Und schon gar nicht, kann ich Rückschlüsse aus der Betrachtung dieser hundert Nichtautisten ziehen und die dann auf die Wahrnehmung, die Bedürfnisse oder Fähigkeiten eines einzelnen Menschen ohne Autismus übertragen.

Damit läge ich zwangsläufig bei den meisten nichtautistischen Menschen falsch.

Und so denke ich, geht es Euch oft genug.

Ihr liegt mit Eurer Sicht und Betrachtungsweise, mit Eurer Einschätzung so oft mindestens knapp daneben, wie wir falsch lägen, würden wir Euch beurteilen.

Damit helft Ihr uns nicht.

Damit verhindert Ihr Hilfe und macht sogar unser Leben vielleicht schlimmer.

Ich würde mir wünschen, dass Ihr offener und weitsichtiger werdet.

Ich würde mir wünschen, dass Ihr mehr und mehr die Kommunikation mit uns persönlich vorzieht. Auch wenn das manchmal nur gelingt, indem Ihr Eure üblichen und gewohnten Kommunikationsformen ein wenig auf uns abstimmt.

Ich würde mir wünschen, wir würden manche Diskussionen gemeinsam führen.

Ich könnte mir vorstellen, dass sich das für beide Seiten lohnen würde.

Das es möglich ist, dass es Hilfestellen gibt, wo Menschen arbeiten die uns auf Augenhöhe begegnen und mit uns gemeinsam individuelle Wege gehen,  dass weiß ich und darf es erfahren. Aber mehr sollten es werden, die sich nicht nur Erfahrung und Kompetenz mit Autismus auf die Fahne schreiben, weil sie Lehrbücher studiert und Vorlesungen besucht haben;  sondern mit uns, an uns und für uns sich mit dem Thema Autismus befassen.

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10 Gedanken zu “An Euch Fachleute für Autismus

  1. „Damit verhindert Ihr Hilfe und macht sogar unser Leben vielleicht schlimmer.“

    Das ist ein ganz entscheidender Satz! Jeder einzelne benötigt hier individuelle Hilfe abseits vom Schema F, schließlich reden wir nicht von Kopfschmerzen!

    Anita

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    1. Achtung Ironie: Paracetamol und 08/15 ist doch so schön kostengünstig /( *Ironie off*

      Allerdings nur, wenn man es kurzfristig betrachtet.

      Und kurzfristig scheint sehr „IN“ und „Angesagt“ zu sein.

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  2. Liebe Regine , vielen Dank für deinen Blog ! Ich bin NT -Mama eines Asperger Sohnes und habe durch euch eine ganze Menge über mein Kind gelernt! Liebe Grüße

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  3. Du weißt ja Sylke, ich sehe es lieber wissenschaftlich, das Spirituelle liegt mir nicht so 😉
    Aber ich würde mir auch wünschen, dass klar wird, wie verschieden wir sind. Ich bin allerdings auch niemals der Mensch, der die Meinung vertritt, dass Autismus glorifiziert werden sollte.
    Diese Tendenz mag ich ebenso wenig akzeptieren, wie die allgemein übliche, nämlich den Autismus per se zu pathologisieren. Er ist was es ist: Eine andere Art der Wahrnehmung die auch erheblich meinen/unseren Alltag beschwert und behindert. Ich bin darum den Hilfestellen und den dort arbeitenden Menschen sehr dankbar. Sie erklären uns vieles und erleichtern unseren Alltag enorm.
    Ich würde lügen, wenn ich den Autismus nur als Bereicherung betrachten würde, aber dennoch würde ich ihn nie hergeben wollen.

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  4. hallo, ich arbeite in der schulbegleitung mit einem asperger autisten und habe auch schon andere autistische kinder kennengelernt. ich schließe mich der auffassung an, das man autismus weder pathologisieren sollte noch glorifizieren sollte und auch nicht verallgemeinern. hilfestellung und unterstützung und mehr dialoge von den fachleuten mit menschen mit austismus, das würde ich mir auch wünschen. denn kein mensch gleicht dem anderen, alle sind wir verschieden. vertrauen und verständnis sind für mich die basis in der arbeit mit menschen, wenn ich das mal so sagen darf. aufklärung und weg mit den klischees und vorurteilen.

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  5. An die Fachleute, die glauben Autismus, autistische Kinder und deren Eltern verstanden zu haben ………..

    im konkreten Bedarfsfall seid „Ihr“ immer so unkonkret.

    im konkreten Bedarfsfall lasst „Ihr“ die Kinder und die Eltern so oft alleine.

    Bitte bemerkt, dass gute Hilfe damit beginnt, dass Ihr nicht nur Möglichkeiten aufzeigen sollt, sondern auch die Eltern unterstützen müsst. Mit den Eltern mitgehen sollt, OHNE dass sich die Eltern entmündigt fühlen!

    Wenn „Ihr“ nur Ratschläge „da lasst“, und es in die Eigenverantwortung abgebt, ohne zu sehen, dass genau „jetzt“ ein großes Mehr an Hilfe notwendig ist, dann stürzt Ihr ganze Familien in die Verzweiflung!

    Wir wissen, dass ein Stundenkontingent und/oder entsprechende Finanzierung endlich ist.
    Wir wissen, dass auch Eure Zeit endlich ist.
    Wir wissen, dass auch Eure Kraft endlich ist.

    Aber

    wir wissen AUCH, dass wir selten nach „MEHR“ fragen können und es doch brauchen.

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    1. Anita, ich weiß aus eigener Erfahrung, es gibt diese guten Hilfestellen…es sollten aber mehr werden. Und vor allem die Erwachsenen sind flächendeckend noch unterversorgt. Hoffen wir, dass es besser wird in Zukunft und eine Begleitung, wie wir sie gefunden haben, selbstverständlich für alle wird.

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      1. „Hoffen wir, dass es besser wird in Zukunft und eine Begleitung, wie wir sie gefunden haben, selbstverständlich für alle wird.“

        das wäre eine tolle Sache!

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