Ich denke in Bildern

Unmittelar im Zusammenhang mit der Diagnose meines Sohnes 2009 befasste ich mich intensiv mit dem Thema Autismus.

Ich las viele Fachbücher und recherchierte im Internet.  Die wirklich hilfreichen Hinweise und Erkenntnisse,  das tiefere Verständnis,  was es für uns und auch für mich bedeutete,  erschloss sich vor allem durch die autobiographischen Innenansichten und Erlebnisschilderungen einiger  Betroffener.

Wer zu dem Thema Autismus recherchiert wird natürlich auch an Temple Grandins Texte nicht vorbeigehen.

Als ich ihren Text las,  in dem sie erklärte wie ihre Denkstrukturen arbeiten, war ich sehr aufgeregt und irritiert zugleich.  Sie beschreibt ihren Denkprozess als ein in Bildern ablaufender Vorgang.

Ist das typisch für Autisten?

„Ihr mühsam erlernter Wortschatz, den sie sich nach eigener Aussage wie eine Fremdsprache aneignen musste, ist heute so umfangreich, dass sie problemlos humorvolle, mehrstündige Vorlesungen halten kann.“  Wikipedia

Dachte ich doch bis dahin, alle Menschen denken so wie ich; eben in Bildern. Ich wäre nie darauf gekommen, dass es etwas anderes gibt, als ein Denken in Bildern. Es ist mir ein Rätsel, dass es anscheinend für die meisten Menschen möglich ist, direkt und ohne mühsame Übersetzungsprozesse ihre Gedankenbilder, ihre Gefühle und Empfindungen sofort und ohne Verzögerung in Begriffe und Worte umzuwandeln und diese dann auch äußern zu können.

Seit meiner Kindheit suche ich eigentlich nach den richtigen und passenden Worten für die Bilder und Gedanken in meinem Kopf.

Etwa bis zu meinem sechsten Lebensjahr und teilweise noch darüber hinaus war ich mutistisch.  Ich sprach fast ausschließlich mit meinen engsten Bezugspersonen.  Und selbst hier erinnere ich mich an Situationen,  wo ich komplexe Mitteilungen hätte machen wollen,  sie aber nicht aus mir heraus transportieren konnte,  da mir nicht klar war,  dass dazu immer unmittelbar gesprochene Worte benötigt wurden.

Es sind aber oft zu viele und es ist immer eine Flut von Sinneseindrücken, die nach außen drängt.

Wenn man Menschenmassen in Panik beobachtet, wie sie alle zu einem Ausgang drängeln, dann ist das etwa das Bild, was ich von meinen Gedanken und Bildern im Kopf habe. Diese zu Worte geformt, versuchen dann durch meinen Mund nach außen durchzudringen.

Da muss man mit Verzögerungen rechnen, das funktioniert nicht immer gleich flüssig und sortiert. Und wenn es zu aufregenden Situationen kommt oder mit emotionaler Belastung einhergeht, dann bin ich absolut sprachblockiert.

Viele neurotypische Personen denken schnell und sofort in Begriffen und haben gleich Worte und begriffliche Beschreibungen für komplexe Gefühle und Erlebtes parat.

Ihre Mitteilungen gelingen dann mit dem Transportsystem „Sprache“ sofort ins Außen und sind für andere Menschen,  die diese Sprache verstehen, verständlich und nachvollziehbar.

Diese Unterscheidung halte ich für ein wichtiges Merkmal unserer mitunter so unterschiedlichen Wahrnehmung und den daraus resultierenden Kommunikationsstörungen.

Ich werde etwa vier Jahre gewesen sein. Welche Worte hätten mir als Vierjährige bereits geholfen, die empfundene Angst und die drohende Gefahr gegenüber meiner Oma zum Ausdruck zu bringen? Ich sah den Nachbahrsjungen als Cowboy verkleidet vor unserem Gartentor stehen.

Er hatte einen Sheriffstern an seiner Jacke befestigt. Ein Sheriff ist so etwas wie ein Polizist. Das war eigentlich etwas, was einem vor bösen Menschen schützt. Aber dieser schien selber ein böser Mensch zu sein. Ich war zunächst lahm vor Angst. Er zog grinsend einen Revolver und zielte damit in meine Richtung.

Meine Oma befand sich vollkommen Ahnungslos in der Küche. Sie würde mich niemals hören können, wenn ich jetzt rief. Ich versuchte zu rennen, aber meine Bewegungen waren zu langsam. Jederzeit würde mich nun, da ich ihm den Rücken zu kehrte, eine kalte, harte Kugel treffen. Dann hätte ich keinerlei Chance mehr, meine Oma zu warnen.

Ich schaffte es japsend die Küche, zu erreichen.

Dem Geruch nach gab es Linsensuppe.

Dann lehnte ich mich an meine Oma und schob sie in Richtung Küchenbank.

„Unter der Eckbank“ war immer meine Zufluchtsstätte; für Unvorhersehbares aller Art. Hier saß ich, um mir meine eigenen Geschichten zu erzählen, hier plante ich meine Vorhaben, hier konnte man Tantenbesuche entgehen und hier suchte ich Schutz vor Kugelhagel und explodierenden Dampfdrucktöpfen.

Ich war unfähig mich ihr wörtlich mitzuteilen. Aber tief davon überzeugt, dass sie meine gerade erlebte Situation und die Gefahr in der wir beide schwebten erfassen würde, wenn ich nur nah genug bei ihr wäre. So lehnte ich mich einen Moment weinend an an meine Oma und versuchte sie weiter in Richtung „unter die Bank“ zu schieben

Aber was tat sie? Sie ging strammen Schrittes nach draußen, weil ihr klar wurde das ich dort etwas furchtbares erlebt haben musste.

Für mich war ihre Entschlossenheit die Bestätigung, dass sie meine Bilder und Erlebnisse genauso sah und erlebte wie ich vor ein paar Sekunden im Garten; einfach nur weil ich anwesend war und mich ihr mitteilen „wollte“. Draußen traf sie auf den Nachbarsjungen, der sich bereits auf unserem Grundstück befand und meinen Bruder zum Spielen suchte. Das Schimpfen war laut und deutlich zu hören. Er solle sich bloß nicht wieder blicken lassen und sich nie wieder wagen die Kleine so zu erschrecken.

Das war meine mutige Oma.

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