„Bitte helfen Sie mir,“ dachte ich so laut ich nur konnte.

„Mädchen, sprich oder spucke Buchstaben“, forderte mich mein Lehrer auf, als ich völlig aufgelöst vor ihm stand und versuchte bei ihm Hilfe zu bekommen.

Nichts lieber als das!

Aber ich hatte schon Mühe zu stehen und kämpfte nicht nur um mein Sprachvermögen, sondern vielmehr um mein Standvermögen.

Kein Wort brachte ich zwischen dem Versuch, mein Weinen zu verhindern hervor. Ich weiß nicht, was schlimmer ist, nicht sprechen oder nicht atmen zu können? Wenn man das Heulen unterdrücken will, gelingt auch das Sprechen nicht. Und bei all den Bemühungen um die richtige Koordination der Stimmbandmuskeln, des aufkommenden Schluck -und Würgereflexes, sowie des Atmens, ist der Transport einer sachlichen Information für mich dann unmöglich.

Ich solle mir Hilfe holen und es den Lehrern sagen, war der Rat meiner Familie. Ich solle mich wehren. Das sagten sie bereits seit Tagen.

Nun stand ich da, vor einer Person, von der ich möglicherweise auch Hilfe bekommen hätte, wäre ich in der Lage, mich ihr und meine Erlebnisse mitzuteilen.

Ich hatte wieder viel zu lange gewartet. Nun waren da so viele Bilder und schmerzhafte Erlebnisse, dass ich gar nicht wusste, was davon als wichtige Information überhaupt Worte benötigt.

Wieviele und welche Worte brauchte es, damit er dafür sorgte, dass sie aufhörten, mich zu treten und zu kneifen.

Er muss es doch sehen dachte ich. Er kann doch sicher annähernd spüren, was mit mir passiert, wenn ich nur einfach nah genug bei ihm stehe.

„Helfen Sie mir!“ Jedes der drei Worte schob ich mit Nachdruck aus mir heraus.

Ojeh, das klang aber fordernd und war deutlich jenseits einer höflich formulierten Bitte.

Dieser Lehrer war nun nicht gerade die erste Wahl, bei meinem Versuch, mir endlich nach tagelangem Tritten, verbalen Beleidigungen und Kneifen zweier Mitschülerinnen, Hilfe zu holen.

Es konnte aber nicht mehr aufgeschoben werden. Es war schier unmöglich auf morgen zu hoffen, dass meine Klassenlehrerin die nötige Zeit für meine Not finden würde.

Sie hatten mir so weh getan und jeder nächste Tritt an die selbe Stelle, würde mich dazu bringen, dass ich wild um mich biss und zuschlug.

Nur dieser Lehrer war da und er war keine Person, bei der ich so recht Vertrauen hatte.

Er war dagegen auch nicht der geduldigste Mensch und hatte sich des öfteren über meine viel zu direkte Art, über meine ständigen Launen und meinen notorisch missmutigen Gesichtsausdruck beschwert.

 „..auffällig ist  die Mimik und Gestik. Sie wirkt oft unangemessen oder vermindert und unterstützt nicht die gemachte Aussage.“

Nun war der verheulte Gesichtsausdruck sicher nicht besser, aber er machte doch zumindest deutlich, dass ich die Hilfe wirklich brauchte.

Ich war sicher, er wusste, was die mit mir machen. Es konnte gar nicht sein, dass er mich so anstarrte und durchdringend betrachtete, ohne mein aufgewühltes Innenleben zu sehen. Wozu sollte er sonst so lange auf mich herunter blicken.

Leider misslang mir die durchaus gewollte höfliche Betonung, mit der man eine Bitte unterstützen muss. Ohne diese höfliche Betonung, auch wenn sie wider der empfundenen Not und Dringlichkeit verwendet wird, hat man kaum Aussicht auf Erfolg.

So hatte ich mir mal wieder selber eine Chance vermasselt.

Durch meine Art zu sein; durch meine andere Art.

„ Der Ton macht die Musik, das habe ich Dir schon mal gesagt!

Wenn Du also was von mir willst, dann nicht in dem falschen Ton – ist das klar!“

Ein nicht angemessener Gesichtsausdruck,  zu wenig Blickkontakt, zu viele Worte oder zu wenige. Die falsche Betonung und die unpassende Gestik, ein Lächeln zum falschen Zeitpunkt:

Das alles macht es unsagbar schwer für Autisten,  sich mit ihren Mitmenschen ohne Missverständnisse zu unterhalten und zu kommunizieren.  Es war nie meine Absicht oder der bewusste Einsatz unhöflicher oder ablehnender Verhaltensreaktionen,  dass  ich meine Lehrer oder meine Mitschüler,  mit meiner „unzulänglichen anderen Art zu sein“,  so herausfordernd konfrontierte.  Es war nie mein freier Wille.  Es war einfach autismustypisch und hätte keinerlei negative Bedeutung gehabt, wäre es bekannt und akzeptiert gewesen.

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5 Gedanken zu “„Bitte helfen Sie mir,“ dachte ich so laut ich nur konnte.

  1. Diese Überschrift finde ich genial:
    >>“Bitte helfen Sie mir,” dachte ich so laut ich nur konnte.<<
    So oder so ähnlich ist es mir oft ergangen. Wenn etwas logisch war, oder ich nur intensiv genug daran dachte, bin ich davon ausgegangen, dass andere das ebenso sehen/merken.

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  2. Ja Silvers, vielleich weil wir wir oft nicht anders können, als unsere eigenen Empfindungen als allgemeingültig anzusehen. Es gelingt mir nur mit dem kognitiven Verständnis die Erinnerung, dass jeder Mensch eine eigene und darum andere Betrachtungsweise der Dinge hat.

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  3. Alle meine Kinder (2 davon sind diagnostizierte Autisten) erwarten von ihrer Umgebung, dass man die „Leuchtschrift auf ihrer Stirn“ sieht und entsprechend reagiert.

    Und auch ich habe mich oft gefragt, „Sieht denn keiner, in was für einer seelischen Not ich gerade stecke und nimmt sich nun endlich einmal die notwendige Zeit für mich“.

    Aber es nimmt sich leider kaum einer die notwendige Zeit, die Sprachlosigkeit zu überbrücken. Trotzdem ernsthaft das „vorwurfsvolle Menschenwesen“ vor sich zu betrachten und ihm die Hand zu reichen!

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  4. Ich kann nicht viel dazu schreiben, es tut mir weh sich vorzustellen wie es Dir erging. Was war das für ein Lehrer? … ich weiss es ja, es ist noch immer oft so.
    viele Grüsse von Elisabeth

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