Bilderdenken und fotografisches Gedächtnis

Erinnerungen aus meiner Vergangenheit erlebe ich aufgrund meines bildhaften und zum Teil synästhetischen Empfindens sehr intensiv und real.  Sie sind ständig verknüpft mit allen Sinnerfahrungen die in diesem Zusammenhang von mir erlebt wurden. Gerüche, Geräusche, taktile und visuelle Eindrücke mischen sich in meinem Kopf zu 3-D Filmen, die parallel auf verschiedenen Ebenen abgespult werden.   

Ein laufender Film ist mitunter nicht mehr zu stoppen.  Nur mit Mühe zu steuern und hat darum erhebliche Triggergefahr für mich. Einzelne Filme kann ich jeder Zeit auch in aller Deutlichkeit und Präzision willentlich abrufen. Das zielgerichtet eingesetzt, kann gähnende Langeweile vertreiben oder mich in aufregenden Situationen an ruhigere und entspannte Orte versetzen.

Auch Vorhaben, die in der Zukunft liegen, sind in Filmen gespeichert.

Kein Denken ohne Film. Kein Film ohne Beteiligung aller Sinne.

Jedes Bild das ich male oder eine Zeichnung die ich anfertigen will, ist ebenfalls manchmal bereits Tage, sicher aber Stunden zuvor in meinem Kopf komplett vorhanden und ausgearbeitet worden.Ich drehe diesen Gegenstand, den ich zeichnen will gedanklich und betrachte ihn aus allen Richtungen.                  

Ich sehe die einzelnen Details, Schatten und die Lichtreflexe und weiß, wie sich das Material, aus welchem es bestehen soll anfühlt, welche Rauhigkeit bzw. welche Texturen vorhanden sind.

Mich mit einem solchen Gegenstand (nur gedanklich) zu beschäftigen und ihn zu untersuchen, kann dauern.

Dabei ist es unerheblich, ob es reale Dinge sind oder nicht existente Gedanken-Erfindungen. Ich sollte diese vielleicht einfach mal alle zeichnen. Mein „privates Archiv“ der Öffentlichkeit zugänglich machen.                                            In einem weiteren Blog vielleicht.

Diese Art zu Denken hat mich immer begleitet. Es war mein Spielzimmer und es konnte mir jederzeit Zuflucht sein, wenn man gerade keine Eckbank hat, unter die man sich verkriechen kann. Meine Filme ermöglichen es mir, in der eigenen Gedankenwelt zu versinken. Sie dienen mir als Meditation.  Als Übungsbühne für zu bewältigende soziale Situationen und Vorhaben.

Dadurch bin ich mitunter sehr auf eben diese inneren Bilder fixiert und nur schwer auf eine reale Enttäuschung vorbereitet.

Aber das ist ein anderes Problem und darüber berichte ich auf einer anderen Seite.

In dieser meiner Gedanken-und Bilderwelt versunken, verbrachte ich jedenfalls etliche Schulstunden, vielleicht sogar die meisten.  Aber ganz sicher, habe ich nur wegen dieser Fähigkeit die Schulzeit überhaupt überlebt und einen „größeren Schaden“ an mir verhindert.

Die Fähigkeit des Denkens in Bildern ist mir meine liebste und wichtigste Fähigkeit. Und ich sage es deshalb so deutlich, damit nicht der Eindruck entsteht, dass das Bilderdenken an sich ein autistisches Problem wäre. Ganz und gar nicht. Wenn überhaupt, ist es eine autistische Fähigkeit und die möchte ich niemals hergeben.

Allerdings stellt die Mitteilung und Übersetzung dieser Bilder eine größere kognitive Anforderung an uns, als an Menschen, die gleich und sofort in Begriffen und Worten denken.

Während ich mich an die Übersetzung mache, um meinem Gegenüber die Bilder in entsprechenden Worten mitteilen zu können, hat eine Person die in Begriffen denkt, diese bereits geäußert.

Die Vermittlung meiner Empfindungen, Erklärungen oder Bedürfnisse benötigt also Zeit und geduldige aufmerksame Zuhörer.

Eine Mitteilung und an mich gerichtete Worte einer Person lösen ggf. sofort wieder Bilder aus. Auch diese muss ich erst übersetzen und verstehe darum bildhafte Beschreibungen oft sofort so, wie sie gesagt wurden; nämlich wortwörtlich.

“ Danke für ihr Ohr!“, sagte heute jemand zu mir. Was wird sie mit meinem Ohr wollen? Sie hat selber zwei.  Ach so, ich habe ihr zugehört.  Dafür bedankt sie sich.

„Gern geschehen!“

Beschreibt jemand seinen Gesundheitszustand mit den Worten, er sei völlig im Eimer, sehe ich denjenigen auf Eimergröße zusammengekrümmt in eben einen solchen. Das löst nun bei den meisten Begriffen keine Verwirrung mehr aus, schließlich ist mir die übertragene Bedeutung  mitlerweile bewusst und ich benutze sie eben aufgrund der allgemeinen Verständigung sogar auch.  Aber es könnte eben durchaus in unpassenden Situationen bei manchen Äußerungen zu einem unerwarteten Lachflash führen. Nicht auszuschließen, das dies als unhöflich und mitunter herzlos empfunden wird, wenn derjenige sich eigentlich eine einfühlsamere Reaktion erhofft hatte.

Das Bilderdenken könnte also eine Ursache für die oft ausgelösten Missverständnisse und Verwirrungen bei Autisten sein.

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